„Wir wollen die trendigste Bank Europas werden“

Die Direktbank N26 gewinnt laut eigenen Angaben rund 2.000 Kunden

pro Tag und verwendet die kürzlich eingesammelten 130 Millionen Euro an Investorengeldern zur internationalen Expansion.

Georg Hauer, neuer General Manager Austria der Direktbank N26, setzt auf Online-Affinität der Kunden (Foto: Michael Hetzmannseder)

N26 lebt vom viralen Ruf. Davon, „trendy“ zu sein. Kann trendy ein ausreichendes Geschäftsmodell für eine Bank sein? Natürlich, sagt N26! Das ist schließlich deren Geschäftsmodell. „Wir sind die trendigste Bank, die sich jemand wünschen kann, und wir wollen die trendigste Bank Europas werden“, stellt Georg Hauer fest. Der 30-Jährige ist seit März neuer General Manager Austria der Direktbank.

Man hat fast den Eindruck, Mitarbeiter des von den nach Berlin abgewanderten Wienern Maximilian Tayenthal und Valentin Stalf gegründeten, 2015 auf den Markt gebrachten Unternehmens bekommen Stresspustel, wenn man sie auf das Image, die Produktgestaltung, die Kommunikation mit den Kunden oder gar die Werbung der klassischen Banken anspricht. Denn N26 macht (fast) alles anders. Zur Kundenakquise setzen die Direktbank-Newcomer mit rot-weiß-roter Gründungsvergangenheit auf virales Marketing und Kundenempfehlungen. Hauer: „Für uns sprechen keine Promis, unsere Kunden sind gleichzeitig Markenbotschafter.“

Das Basisangebot

Wer N26 seziert, erkennt, dass die Basis der Bank nichts Neues ist: Sie machen in Konto und Karte, das Kernangebot ist kostenlos und daher schnell einmal mobil online eröffnet. Schnell in acht Minuten, einfach, zeitgemäß und stylish, korrigiert Hauer und deckt damit den eigentlich USP der Bank auf, der im Zugang und der damit verbundenen Nutzungsweise steckt. N26 ist als mobile Smartphone-Bank konzipiert, jedes Angebot muss einfachst, intuitiv und schnell zu bedienen sein. So wird die gesamte Kontoeröffnung – in von Hauer besagten acht Minuten – komplett über Videoconferencing über das Smartphone erledigt. Hauer: „Die Einfachheit dürfen und werden wir nicht aufgeben.“

Mit einem Girokonto mit Mastercard, zwei Premiumkonten, einem Konto für Freiberufler und Selbständige, einem Überziehungsrahmen und Sparprodukten ist N26 mittlerweile eine vollwertige Bank in Österreich geworden. Die Nutzeroberfläche ist klar, die Darstellung der Konten, der Zahlungsbewegungen, Statistiken – alles hat seinen eigenen Trendy-Style. „Unser Ziel ist es, die alte Hausbank zu ersetzen und die Nummer eins im Mobile Banking zu werden. Bankgeschäfte sollten so einfach sein, wie einen Freund anzurufen oder eine Nachricht zu schreiben“, erklärt Hauer, der gerade als neuer General Manager für Österreich ein lokales Team aufbaut und hohes Potenzial sieht. Österreichische Bankkunden zählen Studien zufolge im internationalen Vergleich zu den digital aktivs­ten, seien jedoch sehr unzufrieden mit den bestehenden Angeboten in diesem Bereich. Und jeder zweite finde, dass die Bankgebühren zu hoch sind.

Die Zielgruppe

Freelancer, Selbständige, Start-ups, Vielreisende, Online-Affine. Die Kundenakquise zielt ganz klar auf Verhaltensorientierung ab, nicht wo jemand wohnt, welches Geschlecht, Alter oder welchen Familienstand er hat. In Hauers Worten: „Wir sind verhaltensorientiert, aber nicht demografisch orientiert. Unser durchschnittlicher Kunde ist sehr wahrscheinlich auch User von Spotify, Netflix, Uber, DriveNow etc., nutzt Online-Services, checkt online ein – unsere Kunden sind Teil einer Smartphone-offenen Zielgruppe.“ Mit einer Einschränkung: Das Mindestalter liegt bei 18 Jahren.
Dem noch jungen Alter geschuldet sowie diesem schmalen Segment (Hauer: „Natürlich ist das noch eine Nische“) zufolge wird, kann und muss N26 nicht all jene Zielgruppen bedienen, die Banken nun einmal so von der Wiege bis zur Bahre als Kunden haben und servicieren. Sie fokussieren sich, müssen keine breite Kundenbasis bedienen, fühlen sich nicht verpflichtet, alle traditionellen Bevölkerungsschichten mit Bankprodukten zu versorgen.

Die Finanzplattform

„Wir wollen das Kontrollzentrum aller Finanztransaktionen der Kunden werden, ein Finanz-Hub, den unsere Kunden einmal pro Tag benutzen“, so Hauer. Ein Satz, der auch von Vertretern anderer Banken für ihr Unternehmen unterschrieben wird. „Die bieten dabei aber nur eigene Produkte an“, wirft Hauer ein. Bei N26 ist das anders. Man legt es gar nicht darauf an, selbst unbedingt als Produkt-herausgeber zu gelten. Der Großteil des Angebots wird bei anderen Unternehmen und Fintechs innoviert, N26 integriert sie ins eigene Angebot ihrer Finanzplattform. Eine Reiseversicherung mit Allianz Global, Überweisungen via TransferWise, exklusive Partnerangebote beim Ordern der Mitte Juni neu kommenden Mastercard N26 Metal etc.

Stichwort „Metal“ –  ein perfektes Beispiel, wie die Bank agiert. Valentin Stalf, Gründer und CEO von N26, sagt über sie Folgendes: „N26 Metal ist mehr als nur ein Premium-Bankprodukt, es ist eine Karte für den zeitgemäßen, digitalen Lebensstil. Indem wir mit den besten Marken kooperieren, gehen wir deutlich weiter, als nur reine Finanzprodukte anzubieten. Vielmehr geben wir unseren Kunden Zugang zu den besten Produkten und Serviceleistungen mit nur wenigen Klicks in der N26-App.“

Die Konditionen

Die neue Metal-Kreditkarte ist auch ein Beispiel dafür, dass ein Newcomer nicht nur auf Null-Gebühren-Politik setzen muss. Zugegeben, als 18 Gramm (dreimal schwerer als eine normale Karte) schwere Mastercard mit Wolframkern mag sie stylish sein. Aber 15 Euro pro Monat dafür ausgeben? Man kann gespannt sein, wie sie ankommt und ob Online-Affine – die ja bekanntlich nicht gerade die loyalste Zielgruppe darstellen und oft mit einem Klick zum nächsten Angebot, egal von wem, abwandern – bereit sind, dafür zu bezahlen.
Aber N26 ist eben anders – sie kommunizieren auch anders als die herkömmlichen Banken. Nicht nur viral und auf ihrer Website. Welche österreichische Bank würde beispielsweise folgenden Satz in eine Presseaussendung schreiben: „N26 möchte die Bank sein, die von ihren Kunden geliebt wird.“

Das Geschäftsmodell

Kann man als trendy Bank wirklich Geld verdienen? Und kann man sie mit den Geschäftsergebnissen der traditionellen Banken vergleichen? Nicht weil N26 jung an Jahren ist, sondern weil gerade mal 400 Mitarbeiter derzeit in der Bank arbeiten, davon 100 in der Kundenbetreuung. Heuer sollen 300 weitere Mitarbeiter dazu kommen, davon rund 100 IT-Developer.

Das Geschäftsmodell ist relativ ähnlich einer „normalen“ Bank. Hauer: „Wir verdienen an jeder Transaktion, die der Kunde tätigt. Die von der EU vor drei Jahren geregelten Interchange-Gebühren liegen bei 0,2 Prozent. Für die Banken war die starke Herabsetzung der Gebühren damals eine Katastrophe. Für uns nicht, wir haben uns von Beginn an schlank aufgestellt und können damit leben. Eine neue IT-Infrastruktur kostet auch bei Weitem nicht so viel, wie alte Systeme zu migrieren.“ Dazu kommen die Erträge aus etwaigen Überziehungsrahmen und Finanzierung, monatliche „Fees“ wie für die Premium-Mastercard „Black“ (5,90 Euro) oder 15,90 Euro für besagte neue Metal – und natürlich die Vereinbarungen mit Partnerunternehmen, deren Produkte über N26 angeboten werden.

Das operative Geschäft ist laut Hauer positiv, allerdings werden die Gelder in die rasche Expansion investiert.

Die Investoren und Expansion

Dazu hat N26 erst im März 160 Millionen US-Dollar (130 Millionen Euro) in einer Series-C-Finanzierungsrunde eingesammelt. Die Finanzierung wurde von Allianz X, der digitalen Investment-Einheit der Allianz Gruppe, und Tencent Holdings Ltd., einem führenden Anbieter von Internet-Services in China, angeführt. Solmaz Altin, Chief Digital Officer der Allianz Gruppe befindet etwa, dass N26 „ganz klar Vorreiter im Mobile Banking“ ist und die „Bankplattform modernisiert das Geschäftsmodell von Finanzdienstleistern und verbessert das Kundenerlebnis“.

Hauer: „Die Transaktion ist – ausgenommen Börsengänge – die bislang größte Eigenkapitalfinanzierung im Fintech-Sektor in Deutschland und eine der größten in Europa. Sie wird unsere globale Wachstumsstrategie und unsere Produktvision weiter vorantreiben.“ Insgesamt hat N26 bis heute 215 Millionen US-Dollar eingesammelt.

Aktuell hält man bei 850.000 Kunden in 17 Ländern, darunter auch Österreich. Heuer will die Bank ein Transaktionsvolumen von mehr als 13 Milliarden Euro abwickeln. Der Start in Großbritannien und den USA steht ebenfalls für 2018 auf dem Roll-out-Plan. Ziel sind über fünf Millionen Kunden bis Ende 2020.
Wird N26 dabei die Welle des Lifestyle weiter reiten? Ganz sicher. Werden sie als derzeitiger Nischenanbieter bald Markt-relevant? Und werden bisher stets als komplexe Bankgeschäfte geltende Produkte wie Wohnbaufinanzierungen, die derzeit durchaus einen persönlichen Kontakt mit einem Berater erforderlich machen, mittelfristig in drei bis fünf Jahren einfach und schnell online auf dem Smartphone mit Videokonferenz oder anderer Technik absolviert? Hauers Antwort: „Warum nicht?“

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