"Jugendwahn werden sich die Führungskräfte nicht mehr leisten können“

Johannes Kopf, Vorstand AMS Österreich, über Digitalisierung, Demografie, Gender Pay Gap, Fachkräftemangel, echte Personalarbeit und die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt.

„Die Ursache des Gender Pay Gap ist weggefallen.“ Johannes Kopf, Vorstand AMS Österreich (Foto: AMS/Petra Spiola)

GEWINN: Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche. Welche neuen Jobs werden dadurch entstehen?
Kopf: Durch die Digitalisierung resultieren Veränderungen im Qualifikationsbedarf und es werden neue Jobs entstehen. In der Pharmatechnologie, Robotik, alles rund um das Thema Data Scientist, Online- und Social-Media-Marketing, Compliance, Automatisierungstechniker, hochinteressante Kombinationen aus Technik und Nachhaltigkeit/Umweltschutz. Die ganzen Green Jobs – es gibt zahlreiche Bereiche wo neue Jobs entstehen. Alles spannend und toll . . .

GEWINN: Aber?
Kopf: Noch viel größer ist die Herausforderung der Veränderung der bestehenden Jobs.

GEWINN: Was meinen Sie damit?
Kopf: Englisch und Sprachenkenntnisse sind an der Rezeption Standard, dazugekommen im Anforderungsprofil sind digitale Skills. Man kann eine Person heute nicht vermitteln, wenn sie keine Buchungs- und Bewertungsplattformen wie Tripadvisor kennt. Wenn sie keine Antworten auf Anfragen, Beschwerden etc. formulieren kann. Die Anforderungen an die Arbeitskräfte steigen – in so gut wie allen Berufen. Daher kommt dem Kriterium Lernfähigkeit und Lernbereitschaft viel mehr Bedeutung zu als früher. Höhere Bildung ist das Rüstzeug dafür. Das haben wir wunderbar schmerzhaft erfahren bei Bildungskarenz und -teilzeit.

GEWINN: Inwiefern?
Kopf: Bildungskarenz funktioniert gut. Ein Jahr aussteigen und lernen können – die meisten Leute lernen in der Zeit, machen nicht blau. Aber wer lernt? Die jungen gut Qualifizierten. Wir würden aber gern die älteren, schlecht Qualifizierten erreichen, also entwickelten wir vor drei Jahren die Bildungsteilzeit. Man arbeitet nicht mehr voll, sondern halb, hat nicht ein, sondern zwei Jahre Zeit und bekommt Geld nicht abhängig von dem, was man vorher verdient hat, sondern eine fixe Pauschale, was attraktiver ist für Wenigverdiener.

GEWINN: Wie wirkt sich das aus?
Kopf: Bei 2.000 Euro Gehalt brutto pro Monat kommen über den Daumen rund 1.480 Euro netto raus, davon ungefähr 55 Prozent ist das Weiterbildungsgeld, ergibt rund 800 Euro für die Bildungskarenz. Bei der Bildungsteilzeit erhält die gleiche Person, die vorher 2.000 Euro brutto verdient, 1.000 Euro brutto und bekommt durch die geringeren Abzüge grob 850 Euro netto raus. Dazu kommt das fixe Bildungsteilzeitgeld, 480 Euro netto, ergibt 1.330 Euro netto pro Monat. Also nur 150 Euro weniger, als man netto vorher verdient hat. Das System ist also für Besserverdiener mit 3.000, 4.000 Euro oder mehr pro Monat nicht annähernd so attraktiv als für weniger Verdienende.

GEWINN: Aber?
Kopf: Es nehmen wieder die Gutqualifizierten in Anspruch. Das Ziel, die Unqualifizierten und Älteren zu erreichen hat nicht geklappt. Es ist nur ein bisschen besser. Daraus folgere ich, noch stärker als der finanzielle Anreiz sind die Bildungsneigung und -eignung.

GEWINN: Wie schulen Sie abseits von Bildungskarenz und -teilzeit über 45-Jährige und minderqualifizierte Frauen?
Kopf: Beide Gruppen werden unterdurchschnittlich von Weiterbildungsmaßnahmen der Betriebe einbezogen oder kümmern sich wohl auch selbst zu wenig darum. Für beide haben wir mit der Qualifizierungsförderung für Beschäftigte eine attraktive Förderung. Wir können 50 Prozent der Kurskosten übernehmen und, wenn die Qualifizierungsmaßnahme etwas länger dauert, für diese Zeit auch 50 Prozent der Lohn- und Lohnnebenkosten. Aber es bleibt, dass der Betrieb daran denken und dass die Person interessiert sein muss. Das hat sehr stark mit einer Kultur der Personalentwicklung zu tun, die viele Betriebe nicht haben. Aber hier können wir mit unserer Impulsberatung entgegenwirken.

GEWINN: Was ist das?
Kopf: Wir zahlen Betrieben Unternehmensberatungstage. Zuerst gibt es einen bis zu dreitägigen Unternehmenscheck und, wenn sich der Betrieb dafür entscheidet, bis zu zwölf Beratungstage. Personalthemen sind etwa der Umgang mit einer älter werdenden Belegschaft – das ist ein großes Thema in den Betrieben. Um nur ein paar Stichworte zu nennen: Productive-Ageing-Konzepte, Lebensalter-gerechte Weiterbildung, rechtzeitige Nachfolgeplanung etc. Oftmals ergeben sich daraus Anschlussförderungen über die Qualifizierungsförderung für Beschäftigte. Das ist ein Thema, wo wir etwas bewegen. Über die letzten zehn Jahre gerechnet hat jede zehnte beschäftigte Frau an einer solchen Qualifizierungsförderung teilgenommen.

GEWINN: Wo sind Jobs verschwunden?
Kopf: Im hochqualifizierten Bereich haben wir Beschäftigungswachstum, im niedrig- und mittelqualifizierten Bereich sind viele Jobs durch Automatisierung verschwunden.

GEWINN: Wie spielt das Alter hinein?
Kopf: Jüngere sind besser qualifiziert. Ganz deutlich sieht man das bei Frauen. Während die älteren Frauen im Durchschnitt niedriger qualifiziert sind als die älteren Männern, sind sie im mittleren Alter im Schnitt schon gleich und bei den jüngeren sind die Frauen schon besser qualifiziert als die jungen Männer. Eine der Hauptursachen des Gender Pay Gap ist weggefallen. 

GEWINN: In vielen Firmen herrscht wegen der Digitalisierung und des Senioritätsprinzips ein regelrechter Jugendwahn.
Kopf: Jugendwahn werden sich die nachrückenden Führungskräfte nicht leisten können, schon wegen der Demografie. Die Firmen werden erkennen, dass sie ihren Personalbedarf nicht decken können mit Jungen, sie müssen sich damit beschäftigen ihre Leute zu halten und auch Ältere im Recruiting ansprechen.

GEWINN: Aber will nicht jeder Bewerber „jung, männlich, digitaler Profi“?
Kopf: Ein Personalist hat mir einmal gesagt, er habe so lange nicht an Frauen gedacht, bis ihm das AMS keine Männer mehr vermittelt hat. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Der nicht-verantwortungsvolle Personalist sucht Männer im Haupterwerbsalter, also mit Berufserfahrung, deswegen nicht unter 25 Jahre alt, nicht über 50 ohne gesundheitliche Einschränkungen und – unbewusst oder bewusst diskriminierend – Inländer soll er auch noch sein. Von den rund 400.000 Arbeitssuchenden im Sommer sind das etwa acht Prozent. D.h., allein die Tatsache so zu suchen und etwa nicht Frauen anzusprechen, sich nicht mit Themen wie Kinderbetreuung, Teilzeitjobs, Karenzmanagement auseinander zu setzen, ist falsch. Viele Betriebe müssen sich hier umstellen. Echte HR-Arbeit wird wichtiger. So wichtig, dass es Betriebe geben wird, die erkennen werden, dass HR-Arbeit eigentlich in den Vorstand gehört und die Mitarbeiter nicht nur Personalberechner, -verwalter und -vollstrecker sein dürfen. Das wird existenzentscheidend sein. Es werden Betriebe in Konkurs gehen, weil sie kein ordentliches Personalmanagement gemacht haben.

GEWINN: Der Aufschwung ist da, gleichzeitig wirken Demografie und Digitalisierung – wie knapp wird es für Betriebe, passendes Personal zu finden?
Kopf: Es ist teilweise jetzt schon knapp. Wir haben erst neun Monate lang wieder einen Rückgang der Zahl der Arbeitslosen – und schon ist der Fachkräftemangel da, obwohl wir noch 400.000 arbeitslose Menschen haben. Wenn die Konjunktur, wie es derzeit aussieht, bis 2020 weiterhin gut läuft wird es sehr knapp werden.

GEWINN: Umso mehr muss es sich doch für Unternehmen auszahlen, bestehende Mitarbeiter – 45+, Frauen etc. – umzuschulen, weiterzubilden.
Kopf: Die Qualifizierung zahlt sich auf jeden Fall aus!

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