Vifzacks fördern

Ob Multitalent oder Fachgenie – (Hoch-)Begabte brauchen gute Förderung, sonst schlummert das Talent nur friedlich dahin.

(Foto: Creative-Touch - GettyImages.com)

„Eigentlich dachte ich, ich sei wie alle anderen aus meiner Klasse“, erzählt Anna-Lena Thomiczny: „Ich war an vielen Sachen interessiert und habe mich nicht als besonders eingestuft.“ Abhängig von Unterrichtsfach und Themengebiet findet die 13-jährige Gymnasiastin den Unterricht mal herausfordernd, mal einfach. Ganz besonders vif ist sie auf sprachlichem Gebiet. In ihrer Freizeit nimmt sie daher an diversen Kursen des Vereins Talente OÖ teil. Als Highlight bezeichnet die Schülerin die zweiwöchige Sprach- und Erlebnisreise „English to go“. London, Oxford und Cornwall standen auf dem Plan, ebenso Unterricht mit Native Speakern. Eine „Begabungsabklärung“ ging der Kursteilnahme voraus und „übersetzte“ ihre Fähigkeiten in Zahlen. „Ich habe einen IQ von 144“, erzählt sie. Anna-Lena ist hochbegabt.

Was ist Hochbegabung?

Der Begriff meint nicht per se Universalgenies oder Klassenbeste. Entgegen der weitläufigen Meinung können Hochbegabte auch in „nur“ einem Fachgebiet hervorragende Leistungen oder gar (unter-)durchschnittliche Schulleistungen erbringen. Diese sogenannten „Underachiever“ tun ihr Wissen etwa aufgrund von Unterforderung nicht kund – ein Test zum Messen des Intelligenzquotienten (IQ) kann im Verdachtsfall Aufschluss geben. „Tatsache ist, wenn eine Begabung nicht entdeckt und gefördert wird, verkümmert sie. Begabungen entwickeln sich in den seltensten Fällen von alleine“, sagt Claudia Resch vom Österreichischen Zent­rum für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF) an der Päda­gogischen Hochschule Salzburg.

Erste Merkmale, die für Hochbegabung sprechen, können bereits im Kindergartenalter auftreten. Ab dem achten Lebensjahr lässt sich eine hohe Begabung relativ genau feststellen. Schnelle Auffassungsgabe, hohes Detailwissen oder kritisches Denken zählen etwa zu den Indikatoren. Geläufig wird der IQ getestet. Bei einem Wert größer gleich 130 gilt man als hochbegabt. Das betrifft rund zwei Prozent der Bevölkerung. Der Durchschnitt liegt bei 85 bis 115 Punkten. Abhängig von Tagesverfassung und Aufbau des Intelligenztests können Ergebnisse variieren.

„Geht man davon aus, dass das Kind begabt ist, kann man gleich zum Fördern anfangen und muss das Kind nicht zwingend testen lassen“, weiß Resch und definiert „Begabung als Potenzial zu einer hohen Leistung“. Eine begabte Person verfügt aber nicht zwangsläufig über einen hohen IQ. „Nur weil jemand eine hohe Intelligenz hat, heißt das noch nicht, dass er dieses Potenzial auch in Leistung verwandeln kann. Hierfür benötigt es auch Faktoren wie hohe Motivation, Durchhaltevermögen und gute Fördermöglichkeiten. Eine Unterscheidung zwischen Begabung und Hochbegabung ist eigentlich nicht relevant“, so Resch.

Fördern in der Schule

Primär gibt es folgende Möglichkeiten zu fördern: Differenzierung im Unterricht, schnelleres Durchlaufen der Schulstufen, spezielle Klassen oder Schulen sowie außerschulische Angebote. Förderung mittels Spezialschulen à la Sir Karl Popper kann eine Lösung sein, deckt aber bei Weitem nicht die Nachfrage in ganz Österreich ab. Grundsätzlich ist es möglich, hochbegabte Schüler an jeder Schule im Unterricht zu fördern. Resch: „Ist das Kind beispielsweise in Mathematik sehr gut, kann ich es an zwei von vier Mathematikstunden pro Woche selbständig an einem Projekt arbeiten lassen. Oder man arbeitet mit offenen Aufgabenstellungen, indem etwa die Frage ,Wie viel ist zwei plus zwei?‘ durch ,Wie viele Rechnungen fallen dir mit dem Ergebnis vier ein?‘ ersetzt wird.“

Auch Instrumente wie vorzeitiges Einschulen oder Überspringen der Schulstufen können helfen. Kinder, die bis zum ersten März des folgenden Kalenderjahres das sechste Lebensjahr vollenden, können vorzeitig eingeschult werden, etwa wenn sie sich im Kindergarten langweilen. Vom Überspringen von Schulstufen wird vorwiegend in der Volksschule Gebrauch gemacht. Resch: „In Sekundarstufe 1 und 2 ist es herausfordernd, eine ganze Schulstufe zu überspringen, weil man – auch im Hinblick auf die Matura – sehr viele Fächer zum Nachlernen hat. Daher springen die meisten in der Volksschule. Ein guter Zeitpunkt ist auch, von der dritten Klasse Volksschule in die erste Klasse Gymnasium zu springen, weil man ja dann sowieso bald den Klassenverband verlassen müsste.“

Fördern in der Freizeit

Hier gibt es ein breites Förderspektrum. Dazu zählen auch Programme, die sich nicht explizit an Hochbegabte wenden. Wie etwa die Initiative Schüler/innen an die Hochschulen. Jugendliche können bereits während der Schulzeit ausgewählte Lehrveranstaltungen an Universitäten (außerordentlich) besuchen und Prüfungen absolvieren. Dabei studieren sie keine bestimmte Studienrichtung, sondern wählen Vorlesungen, Übungen oder Seminare frei aus. Nach der Matura wird ihre Leistung für ein späteres Studium angerechnet. Der eine oder andere Teilnehmer schloss während der Schulzeit so einen ganzen Studienabschnitt ab. Das Programm steht Schülern ab 15 offen, manche Hochschulen lassen nach Absprache auch Kinder ab zwölf Jahren zu.

Auch Olympiaden und Wettbewerbe bieten sich als Fördermöglichkeit für (Hoch-)Begabte an (siehe Tabelle). Das Angebot reicht von Chemie-Olympiade über Aufsatz- und Literaturwettbewerben bis hin zu u19 – Create Your World, einem digital-kreativen Wettbewerb des Prix Ars Electronica Linz, der sich an alle unter 19 Jahren richtet. Der Wettbewerb fragt Kinder und Jugendliche nach Gestaltungslösungen für die Zukunft. Bewertet wird in zwei Altersgruppen. Teilnehmen können ganze Schulklassen, Teams oder Einzelpersonen. „Ziel des Wettbewerbs ist es, Kinder und Jugendliche auf kreative Weise mit analogen und digitalen Medien vertraut zu machen. Dabei entdeckt man bemerkenswerte Talente. Unsere bisher jüngste Einreicherin war fünf Jahre alt und gestaltete eine GIF-Animation“, berichtet Jakob Calice, Direktor von KulturKontakt Austria.

Regionale Förderungen

Die Bundeslandkoordinationsstellen für Begabungs- und Begabtenförderung sind Anlaufstellen für Schüler und Eltern, die sich zum Thema Hochbegabung beraten lassen und über Tests und Fördermöglichkeiten informieren möchten. Die Ansprechpartner des jeweiligen Bundeslandes sind auf der Website des ÖZBF (www.oezbf.at/
beraten/) zu finden.

In Oberösterreich fördert etwa der Verein Talente OÖ. „Wir beraten und fördern Kinder und Jugendliche aus ganz Oberösterreich; nicht nur aus bildungsnahen, sondern auch aus bildungsfernen Familien“, erzählt Pressesprecherin Christina Lanzinger. Eine Begabungsabklärung folgt in der Regel auf ein Beratungsgespräch. „Wir versuchen möglichst viele Schüler mit hohem Potenzial zu erreichen, weil unsere Kurse vom Anspruch her auf diese Zielgruppe ausgelegt sind. Wir setzen aber keine harte Grenze und sagen, man braucht einen IQ von mindestens 130. Bei uns arbeiten Psychologinnen, die die Leistung individuell beurteilen und neben dem Intelligenztestergebnis auch andere Faktoren erheben, die für die Diagnose eine wichtige Rolle spielen, wie zum Beispiel Motivation“, sagt Lanzinger. 3.000 Kinder betreut Talente OÖ aktuell. Die Kurse sind für Schüler ab der dritten Schulstufe ausgerichtet und in fünf Hauptbereiche gegliedert: Naturwissenschaft, IT, Sprache, Mathematik und Kunst. Geboten werden Jahresprogramme, Sommerakademien, Projektwochen sowie Kurse. Lanzinger: „Wir bieten auch Betreuung über die Schulzeit hinaus an. Hierfür gibt es den AbsolventenClub Talente OÖ, gegründet von früheren aktiven Mitgliedern.“

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