So tappen Sie NICHT in die Falle

Gewerbetreibende, Gewerbegesellschafter und Freiberufler erleben im täglichen Umgang mit der gewerblichen Sozialversicherung so manche teure Überraschung. Wie Sie häufige Fallen vermeiden.

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Kaum ein Selbständiger, der wegen des einen oder anderen Nichtwissens oder Missverständnisses im Umgang mit der Sozialversicherung nicht schon unverhofft tief in die Tasche greifen musste. Dabei ist in den letzten Jahren vieles bei der SVA flexibler und kundenfreundlicher geworden – wenn man die Regelungen nur kennt.

Das verflixte vierte Jahr

Die erste Falle lauert gleich, nachdem man sich überhaupt selbständig gemacht hat. Sind doch die relativ niedrigen Beiträge, die man als Freiberufler, Unternehmer bzw. GSVG-pflichtiger Gesellschafter eines Unternehmens von Anfang an leisten muss, leider nur von kurzer Dauer.

Denn in den ersten drei Jahren werden die vorläufigen Beiträge automatisch von der Mindestbeitragsgrundlage berechnet. Die Mindestbeiträge für Pensions-, Kranken-, Unfallversicherung sowie Selbständigenvorsorge, die sich daraus ergeben, betragen aktuell knapp über 170 Euro monatlich (siehe auch Tabelle).

Tipp: Einen genauen Überblick bietet auch die SVA unter www.svagw.at, Stichwortsuche „Die ersten drei Jahre“, „Mindestbeiträge und Höchstbeiträge“.

Was aber dann passiert, erklärt ­Nina Rosenthal, Steuerberaterin der Huber & Rosenthal Steuerberatung aus Braunau am Inn: „Die entrichteten Beiträge auf Basis der vorläufigen Beitragsgrundlage werden mit der endgültigen Beitragsgrundlage verglichen und es kommt zur sogenannten Nachbemessung.“ Und stellt sich heraus, dass man mehr verdient hat als mit den fiktiven Mindestbeitragsgrundlagen angenommen, kommt es zu einer Nachbelastung. „Diese erfolgt, sobald der SVA der Steuerbescheid für das betreffende Beitragsjahr vorliegt“, so Rosenthal.

Ab dem vierten Jahr der Selbständigkeit wird die vorläufige Beitragsgrundlage dann individuell berechnet. Und zwar wird sie von den Einkünften des drittvorangegangenen Jahres und den damals vorgeschriebenen Pensions- und Krankenversicherungsbeiträgen abgeleitet.

Ein Beispiel: Ein Gewerbetreibender, der im ersten Jahr einen Gewinn laut Einkommensteuerbescheid von 12.000 Euro erzielte und anfänglich nur die 2.062,20 Euro Mindestbeitrag entrichtete, bekommt für die Pensionsversicherung eine Nachbemessung von 1.149,03 Euro, die zum Nachzahlen sind (2.601,51 Euro minus die bereits gezahlte Pensionsversicherung im ers­ten Jahr von 1.452,48 Euro). „War 2016 das erste Jahr, kommt dann 2019 die laufende Vorschreibung auf Basis der für 2016 ermittelten Bemessungsgrundlage“, erklärt Rosenthal.

Und wie ist das mit der Krankenversicherung? Für Gewerbetreibende und Gewerbegesellschafter entfällt als „Gründungszuckerl“ immerhin in den ersten beiden Kalenderjahren der Selbständigkeit die Nachbemessung der Krankenversicherung.

Achtung: Das gilt nur für pflichtversicherte Mitglieder der Wirtschaftskammer, nicht etwa für neue Selbständige! Für das dritte Jahr heißt es aber für alle, zusätzlich die Differenz zwischen angefallener und vorausbezahlter Krankenversicherung nachzuzahlen.

Vorschreibung und Nachzahlung gleichzeitig

Die laufende Vorschreibung sieht dann für Gewerbetreibende wie folgt aus: angenommen, der Gewinn beträgt weiterhin 12.000 Euro jährlich:

27,68 Prozent von 14.062,20 Euro + 117,48 Euro Unfallversicherung = 4.009,90 auf das gesamte Jahr.

Besonders unangenehm allerdings: Zur Vorschreibung kommt ja noch die Nachzahlung, in unserem Beispiel vom Jahr 2016, hinzu, und zwar in Höhe von 1.149,03, womit insgesamt in diesem Jahr 5.158,93 Euro zu berappen sind, in vier Quartalsraten zu je 1.289,73 Euro. Analog läuft es im darauffolgenden Jahr auf Basis der Daten des zweiten Jahres.

Hinaufsetzung beantragen!

Daher rät Rosenthal: „Seit 2014 können Nachbelastungen der ersten drei Jahre über Antrag in zwölf anstatt vier Quartalen bezahlt werden.“

Aber noch besser wäre folgendes proaktives Vorgehen in den ersten drei Jahren: „Ist die endgültige Beitragsgrundlage im laufenden Jahr voraussichtlich höher als die vorläufige, dann kann jederzeit die Hinaufsetzung der Beitragsgrundlage beantragt werden“, so Rosenthal. Dadurch erspart man sich eine unangenehme „Überraschung“ in der Zukunft durch die erst Jahre später erfolgende Nachbemessung.
Noch etwas: Gibt es Liquiditätsengpässe, soll man sich immer so rasch wie möglich bei der SVA melden. Lösungen wären beispielsweise eine Ratenzahlung oder eine Stundung.

Neue Selbständige: Rechtzeitig melden!

Neue Selbständige dagegen werden nur dann in die Pflichtversicherung einbezogen, wenn ihre Einkünfte aus ihren dem GSVG unterliegenden Tätigkeiten die Versicherungsgrenze von aktuell 5.361,72 Euro jährlich überschreiten. Das sind einfach gesagt alle Selbständigen, die unter kein Gewerbe fallen (klassische Beispiele sind Kunstschaffende, Journalisten, Vortragende, Hebammen, Physiotherapeuten). Wann aber muss man sich diesbezüglich bei der SVA melden?

Eine Möglichkeit, wenn man vermutet, dass man im laufenden Kalenderjahr diese Grenze sprengen wird, ist eine vorsorgliche Meldung der Überschreitung an die SVA. Die andere ist, bis zum rechtskräftigen Einkommensteuerbescheid des betreffenden Kalenderjahres zu warten – dann heißt es allerdings schnell sein: „Ab dem Datum des rechtskräftigen Einkommensteuerbescheids hat der Kunde acht Wochen Zeit, uns über das Überschreiten der Versicherungsgrenze zu informieren“, erklärt SVA-Sprecherin Karin Nakhai. Denn was droht, wenn man sich nicht aktiv bei der SVA meldet? „Ansonsten muss ein gesetzlich vorgeschriebener  Zuschlag von 9,3 Prozent vom selbständigen Einkommen berechnet werden“, warnt Nakhai.

Der Unterschied zwischen vorzeitiger Überschreitungsmeldung und dem Hinterhermelden ist: Im ersten Fall erhält man gleich Vorschreibungen auf Basis der Mindestbeitragsgrundlagen (siehe Tabelle). Auch hier kommt es in den Folgejahren selbstverständlich zur Nachbemessung.

Im letzteren Fall zahlt man im laufenden Kalenderjahr noch nichts, dafür „erfolgt die Berechnung der Beiträge direkt anhand der im Einkommensteuerbescheid ausgewiesenen Einkünfte  aus selbständiger Arbeit“, erklärt Nakhai und warnt: „Die gesamte Vorschreibung der Beiträge erfolgt hier rückwirkend im nächstmöglichen Quartal.“ Nachsatz: „Der Versicherte kann bei Liquiditätsengpässen Ratenzahlungen oder Stundungen beantragen.“

Pausieren als Neuer Selbständiger?

Was, wenn man in einem Jahr beispielsweise eifrig als Vortragender im Nebenjob tätig ist, im nächsten aber aufgrund des Hauptberufs gar nicht dazu kommt – und so die „neue Selbständigkeit“ vorübergehend gar nicht ausgeübt wird, oder nur deutlich unter der Versicherungsgrenze. Kann man sich da auch die Vorschreibungen der SVA sparen?

„Liegen die Einkünfte voraussichtlich unter der Versicherungsgrenze, muss uns der Versicherte dies schriftlich mitteilen. In diesem Fall enden Pflichtversicherung sowie Beitragspflicht mit dem Monatsletzten nach der schriftlichen Bekanntgabe“, so Nakhai.

Wichtig: Eine rückwirkende Beendigung ist aber nicht möglich, außerdem muss das selbständige Einkommen im gesamten Kalenderjahr unter der Versicherungsgrenze von aktuell 5.361,72 Euro liegen

Liegt aber eine Mehrfachversicherung – ASVG plus GSVG – vor, kann es auch von Amts wegen zu einer Zahlungsfreistellung kommen (exklusive Unfallversicherung): „Und zwar dann, wenn entweder das unselbständige Einkommen bereits im gesamten Kalenderjahr die ASVG-Höchstbeitragsgrenze erreicht bzw. überschreitet oder wenn das unselbständige Einkommen zumindest die GSVG-Mindestbeitragsgrundlagen erreicht und in diesem Kalenderjahr keinerlei selbständiges Einkommen vorliegt“, so Nakhai.

Ist aber selbständiges Einkommen unter der Versicherungsgrenze vorhanden und das unselbständige Einkommen erreicht zumindest die GSVG-Mindestbeitragsgrundlage, kommt es zu einer Differenzvorschreibung. Die Beitragsgrundlage kann in diesem Fall auch unter der GSVG-Mindestbeitragsgrundlage liegen.

Umbruch bei der Differenzvorschreibung

Apropos Differenzvorschreibung: Bis ins Jahr 2018 war es beispielsweise nötig, wenn man ein Dienstverhältnis unter dem Jahr neben der Selbständigkeit annahm, bei der SVA aktiv einen Antrag auf Differenzvorschreibung zu stellen, um nicht vorübergehend zu hohe Abgaben – also insgesamt über der Höchstbeitragsgrundlage – zu zahlen. Denn die SVA erfuhr die Beitragsgrundlagen  immer erst im Nachhinein, also im Folgejahr, aus dem Hauptverbandssystem. Und führte eine endgültige Differenzvorschreibung amtswegig erst im Rahmen der endgültigen Beitragsberechnung anhand des Einkommensteuerbescheides durch.

Da seit heuer aber eine monatliche Beitragsgrundlagenmeldung erfolgt und diese für die SVA im Hauptverbandssystem nun viel rascher ersichtlich ist, führt die SVA schon heuer bei Mehrfachversicherten von Amts wegen auch vorläufige Differenzvorschreibungen bei Bedarf durch, erklärt Nakhai. Gesetzlich vorgeschrieben ist dies erst ab 1. 1. 2020. Womit eine weitere bürokratische Hürde gefallen ist.

Pausieren als Gewerbetreibender?

Was auch nicht jeder weiß: Wer sein Gewerbe vorübergehend an den Nagel hängt, kann sich die Zahlungen an die SVA vorläufig ersparen. Und zwar durch eine Ruhendmeldung, die ist sogar rückwirkend möglich: „Das Gewerbe kann ab dem Anzeigedatum bei der zuständigen Interessenvertretung rückwirkend für maximal 18 Monate ruhend gemeldet werden“, schildert SVA-Ombudsmann Christian Göbl. Die Pflichtversicherung endet dabei immer mit dem Monatsletzten nach Wegfall der Voraussetzung. Z. B. bei einer Ruhendmeldung ab 14. Mai 2019 endet die Pflichtversicherung ab 1. Juni 2019.

Nachsatz: Wurden aber im Zeitraum zwischen dem angezeigten Beginn des Ruhens und der Anzeige des Ruhens bereits Leistungen bezogen, so kann die Pflichtversicherung – etwa in der Krankenversicherung – nicht rückwirkend beendet werden.

Kleinunternehmerregelung: Weniger ist mehr

Klein bleiben und nicht zu viel arbeiten kann sich unter Umständen lohnen, sofern man dadurch im Sinne der SVA als Kleinunternehmer gilt. Mitglieder einer Wirtschaftskammer und FSVG-Versicherte (Ärzte) können unter folgenden Voraussetzungen die „Kleinunternehmerregelung“ beantragen:


  • Jährliche Einkünfte von maximal 5.361,72 Euro (Wert 2019),

  • Jahresumsatz höchstens 30.000 Euro,

Vorsicht Falle: Es zählen alle Umsätze laut Umsatzsteuergesetz! Beispiel: Ein Steuerberater hat Umsätze aus selbständiger Tätigkeit (Steuerberatung) in Höhe von 30.000 Euro und Umsätze aus Gewerbebetrieb (Unternehmensberater) in Höhe von 10.000 Euro. Dann wird der Gesamtumsatz in Höhe von 40.000 Euro herangezogen. Es fällt die gewerbliche Sozialversicherung an. Einen Antrag auf Beitragsbefreiung als Kleinunternehmer können nur Versicherte stellen, die eine der folgenden Voraussetzungen erfüllen:


  • nicht mehr als zwölf Monate GSVG-Pflichtversicherung in den letzten 60 Monaten oder
  • Vollendung des 57. Lebensjahres sowie die Erfüllung der Einkunfts- und Umsatzgrenze in den letzten fünf Jahren (maximal 5.361,72 Einkünfte bzw. 30.000 Euro Umsatz) oder
  • Erreichung des 60. Lebensjahres sowie Erfüllung der Einkunfts- und Umsatzgrenze für das laufende Jahr.

„Ist beispielsweise ein 54-Jähriger 13 Monate pflichtversichert, kann dieser keine Kleinunternehmerregelung beantragen, weil er mehr als zwölf Monate in den letzten 60 Monaten pflichtversichert war“, erklärt Rosenthal. Anders ist die Situation bei 57- bis 60-Jährigen: „Wenn jemand bis 56 Jahre pflichtversichert war und die Grenzen in den fünf Jahren davor nicht überschritten hat, dann kann er ab Vollendung des 57. Lebensjahres unter Voraussetzung der Grenzen die Kleinunternehmerregelung beantragen“, so Rosenthal. Noch einfacher wird es für die über 60-Jährigen: Sie brauchen nur jährlich die Grenzen einhalten.

Der Antrag kann während des laufenden Kalenderjahres jederzeit erfolgen, im Nachhinein nur, wenn noch keine Leistungen (Pensions- bzw. Krankenversicherung) bezogen wurden.

Rosenthal warnt aber: „Stellt sich jedoch nach dem Ende des Kalenderjahres heraus, dass die Voraussetzungen doch nicht zutreffen, so fällt die Ausnahme von der Pflichtversicherung rückwirkend weg.“ Deshalb empfiehlt sie: „Melden Sie das Überschreiten der Versicherungsgrenze binnen acht Wochen ab Ausstellung des Einkommensteuerbescheides an die SVA. Damit wird die Vorschreibung des Beitragszuschlages in Höhe von 9,3 Prozent der Beiträge vermieden.“

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