Vom Saulus zum Paulus

Die gute alte Zeit? Nun ja, die legendären Tricks der Kohlehändler sind noch heute oft Gesprächsstoff. Manch einer kratzte immerhin die Kurve zum ökologisch – und hoffentlich auch steuerlich – ­korrekten Recycling-Unternehmen.

Illustration: Erik Bauer

Heizen Sie noch mit Kohle? Die Zeiten, in denen hauptsächlich fossile Brennstoffe in den Wintermonaten für behagliche Wärme gesorgt haben, sind vorbei.

Die Erinnerung jedoch lebt. Anlässlich von Betriebsprüfungen sind dem Fiskus so manche Anekdoten aus der „guten alten Zeit“ zu Ohren gekommen. Generationen von Brennstoffhändlern erinnerten sich mit verklärtem Blick an das Jahr 1929 zurück. Lang anhaltende Minusgrade, die Spitzen von minus 29 Grad Celsius erreichten, erzeugten im Februar 1929 auf der Donau einen gewaltigen Eisstoß. Der Strom war von Ungarn bis zur Wachau völlig in Eis erstarrt. Klar, dass die extreme Kälte der Branche einen noch nie da gewesenen Umsatz bescherte.

Ein Großhändler wusste von Tricksereien seiner Kunden zu berichten. „Ich habe mich immer gewundert, warum beim Kohlenlager, nachdem dort mein Kunde X Koks auf seinen Lkw geladen hatte, ein großer nasser Fleck entstanden war. Des Rätsels Lösung: Der Kunde hatte auf dem Lkw einen Wassertank verbaut, den er beim Kohlenlager entleerte. Für das Gewicht des Wassers konnte er sich den Koks zum Nulltarif besorgen. Die Abrechnung der eingekauften Menge erfolgte nämlich, indem der Lkw auf einer Brückenwaage fuhr und sodann nach Fassung des Koks gewogen wurde.

Apropos: Eine andere Spielart war die, dass ein stämmiger Beifahrer während des Wiegevorgangs des leeren Lkw sein Körpergewicht einsetzte, indem er sich an die Ladebordwand oder die Verstrebung des rechten Außenspiegels hängte. Die Fahrerkabine, an der die Außenspiegel befestigt waren, bot ausreichend Sichtschutz, sodass der Vorgang dem Wiegepersonal verborgen blieb.

Betrügereien begingen aber nicht nur Zwischenhändler im Zuge des Einkaufs bei den Großhändlern, vielfach waren auch die Endkunden die Gelackmeierten. Und das ging so: Die Anlieferung der Kohle erfolgte in Säcken, die kräftige Männer schulterten und beim Kunden in dessen Keller ausleerten. Zwecks Abrechnung nahm man eine Zählung der ausgeschütteten Säcke vor. Nur hatten sich die Männer auf die Schulter – quasi zur Polsterung derselben – leere Säcke gelegt, die auch mitgezählt wurden.

Manche Brennstoffhändler machten sich den Umstand ihres großen Lagerplatzes zunutze. Neben Brennmaterial konnten die Kunden auch Baumaterialien erwerben. Daher brauchte sich die Finanz nicht zu wundern, dass der Wareneinsatz auch Produkte wie Sand, Schotter etc. umfasste. Normalerweise erfolgten die Einkäufe von Kohle, Heizöl und Brennholz bei gleich bleibenden Lieferanten, die mit ihren Namen auf dem Konto „Wareneinkauf“ aufschienen. Bei einer Prüfung fiel dem Finanzer aber eine Buchung eines Dachziegelerzeugers auf. Also stellte das Prüfungsorgan schon die Frage, wo eine erkleckliche Anzahl von Dachziegeln geblieben war. Mangels vorhandener Ausgangsrechnungen musste der Unternehmer zugeben, die Dachziegel privat verwendet zu haben.

Gelegentlich brachte die Finanz Brennstoffhändler mit einer Mengenrechnung beim Produkt Heizöl in Erklärungsnotstand. Findige Unternehmer führten festgestellte Fehlmengen auf extreme Temperaturschwankungen zurück. Mineralöl verändert bekanntlich in Abhängigkeit von der Außentemperatur sein Volumen. Findige Finanzer wissen allerdings auch, dass Heizöl nur einen Temperaturausdehnungskoeffizienten von 0,0007 pro Grad Celsius hat. Das bedeutet, dass sich je 1.000 Liter Tankvolumen und pro Grad Temperaturabsenkung das Volumen des Heizöls bloß um 0,7 Liter verringert.
Die Zeiten wurden in den letzten Jahrzehnten härter für Brennstoffhändler, und so ist einer von ihnen dem schrumpfenden Geschäft mit festen Brennstoffen wie folgt begegnet: Zunächst hat er Elektronikschrott gesammelt und bis zur weiteren Verwertung auf dem Kohlenplatz gelagert. Dieser Geschäftszweig begann derart zu boomen, dass der Brennstoffhandel schlussendlich eingestellt wurde und das Unternehmen sich heute gänzlich auf das Recycling diverser Materialien verlegt hat. Und damit ökologisch gesprochen vom Saulus zum Paulus wurde.

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