Corona drückt aufs Start-up-Gas

Global gesehen führte Corona nicht nur zu höheren Investments in Start-ups, sondern beflügelte auch die Neugründungen. Das alles trotz Rezession im vergangenen Jahr. Ein Erklärungsversuch der „schöpferischen Zerstörung“.

Anfangs zitterten Investoren um ihre Start-up-Beteiligung, bald aber wendete sich das Blatt und die Investments stiegen. (Foto: uatp2 - GettyImages.com)

Im März 2020 schrieb Sequoia, der vermutlich angesehenste Venture Capital (VC) Fonds der Welt, an seine Portfoliounternehmen. Unter dem Titel „Coronavirus: The Black Swan of 2020“ zeichnete man ein unheilvolles Bild. Start-ups, so Sequoia, müssten sich auf schwierige Zeiten einstellen, so schnell wie möglich Kosten senken und sich auf das Schlimmste vorbereiten. Doch die Dinge kamen anders. Im März 2021 veröffentlichte Sequoia ein weiteres Memo, diesmal mit dem Titel „COVID Accelerated the Future: Now Seize It“. Wo vor einem Jahr noch Pessimismus und Unsicherheit herrschte, stand nur zwölf Monate später ungetrübter Optimismus im Raum. Die Kernbotschaft: „Drückt aufs Gas. Nun heißt es handeln.“ Die schlimmste Katastrophe unserer Generation führte nicht zu einem Kollaps, sondern zu einem Boom im Silicon Valley.

Finanzierung in voller Fahrt

Beflügelt von vielen großen Finanzierungsrunden erfolgreicher Start-ups hat sich das VC-Investment-Volumen im ersten Quartal in den USA von 30 auf 60 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Zu den größten Investitionen zählten zwei Milliarden Euro in den Online-Broker Robinhood, 800 Millionen Euro in den Cloud-Analytics-Anbieter Databricks und 620 Millionen Euro in Thrasio, welches Amazon-Direkthändler aufkauft und zusammenführt.

Während gerade Folge-Investments ab Series C stark stiegen (in der VC-Welt benennt man Finanzierungsrunden chronologisch, alphabetisch aufsteigend, von (Pre-)Seed und Series-A-Investments bis hin zu Series E, etc.), wurden in den USA mit 4,4 Millionen 2020 beeindruckende 23 Prozent mehr Unternehmen gegründet als noch 2019. Investments im Rest der Welt zogen fast ebenso kräftig an und stiegen im selben Zeitraum von 22 auf 43 Milliarden Euro. In Europa stieg die Zahl der Finanzierungsrunden 2020 auf 6.700, ein Plus von 58 Prozent gegenüber 2019, und das Gesamtvolumen um 17 Prozent auf 37 Milliarden Euro. Während Österreich 2020 ein Minus von 1,2 Prozent bei Neugründungen verbuchte, stieg das Investitionsvolumen um 16 Prozent auf 212 Millionen Euro.

Der Kontrast zwischen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (das BIP fiel in den USA 2020 um 3,5 Prozent und in Österreich um 6,6) drängt sich die Frage auf, warum die Start-up-Szene gerade jetzt floriert.

Schöpferische Zerstörung

Wirtschaftskrisen sind Perioden „schöpferischer Zerstörung“, wie es der österreichische Volkswirt Joseph Schumpeter in den 1930ern treffend bemerkte. Neue Ideen und Geschäftsmodelle verdrängen eingesessene Unternehmen, die es nicht schaffen, sich schnell genug weiterzuentwickeln.

Ein Beispiel: die Luftfahrt. Während das globale Flugaufkommen weiterhin 40 Prozent unter dem Vor-Corona-Niveau liegt und Fluglinien wie Avianca, Aeroméxico und Norwegian unter Insolvenzrecht stehen (und viele weitere wie Lufthansa, United und American nur mit Staatshilfen überlebensfähig sind), bringen sich gleich mehrere Airline-Start-ups in Stellung. Norse Atlantic Airways, Play, Flyr und Breeze Airways haben sich das Ziel gesetzt, die Gunst der Stunde zu nutzen, die Luftfahrtbranche umzukrempeln. Warum gerade jetzt?

Newcomer sind flexibler

Noch nie war es günstiger, Flugzeuge zu leasen (6.000 Flugzeuge stehen weiterhin ungenutzt auf Flughäfen und in Langzeit-Aufbewahrungsstätten) und noch nie gab es potenziell größere Umwälzungen in der Nachfrage für Flüge (McKinsey prognostiziert, dass sich Geschäftsreisen schleppend erholen und bis 2024 nur ca. 80 Prozent des Vor-Corona-Niveaus erreichen ), welche für bestehende Fluglinien mit ihren Bestandsflotten, Sitzkonfiguration und Routennetz in manchen Märkten schwerer zu bewältigen sein könnten als für Neuankömmlinge. Viele Airlines hängen stark von Geschäftsreisenden, die laut PwC auf manchen internationalen Routen bis zu 75 Prozent ihres Umsatzes ausmachen, ab.

Airline-Start-ups hingegen können ihr Geschäftsmodell so entwerfen, dass sie mit den neuen Gegebenheiten am Markt besser umgehen können: Mithilfe kleinerer, Treibstoff sparender Flugzeuge, allen voran dem neuen Airbus A220, und einer größeren Zahl an Direktverbindungen (dies steht im Vergleich zum „Netzwerkmodell“ vieler bestehender Airlines, wie Lufthansa oder Austrian, die traditionell mit kleinen Maschinen Drehkreuze bedienen, welche wiederum mit großen Airlinern untereinander verbunden sind) mischt man sich selbstbewusst in den seit Langem harten Wettbewerb der Luftfahrtbranche.

Software Is Eating The World

Wie die Umwälzungen in der Luftfahrtbranche demonstrieren, war die schöpferische Zerstörungskraft der Corona-Krise besonders stark und spielte der vor allem digitalen Gründerszene besonders in die Hände. Ob Bildung, Online-Handel, Lieferung, Unterhaltung, Gesundheit oder Arbeit – die digitale Revolution nahm im letzten Jahr in fast allen Bereichen unseres Lebens ungeahnte Geschwindigkeit auf. Marc Andreessen, Erfinder des Web-Browsers Netscape und mit seinem Fonds Andreessen Horowitz heute einer der bekanntesten VC-Investoren der Welt, bescheinigte bereits 2011 im Wall Street Journal „Software Is Eating The World“. Noch nie klangen seine Worte glaubhafter, und noch nie war das Silicon Valley besser positioniert, um seine Kernkompetenz in Sachen High-Tech, Digitalisierung und innovative Geschäftsmodelle voll auszuspielen.

Während die Hotellerie-Platzhirsche Marriott und Hyatt im vierten Quartal 2020 mehr als 60 Prozent ihres Umsatzes einbüßten, fiel Airbnbs Rückgang mit 22 Prozent wesentlich weniger dramatisch aus. Als Marriotts 1,4 Millionen Hotelzimmer leer standen, stiegen App-Downloads 2020 um 24 Prozent, und der US-Online-Handel legte um ein Drittel zu.

Stripe, der führende Anbieter von Online-Zahlungen und mit einer Bewertung von knapp 80 Milliarden Euro das wertvollste nicht börsennotierte Unternehmen im Silicon Valley, konnte 500.000 Firmen, Ärzte und andere Händler als Kunden für sich gewinnen. Videokonferenz-Anbieter Zoom verdreißigfachte sein Nettoeinkommen und der Aktienkurs des Home-Workout-Spezialisten Peloton stieg um 200 Prozent. Die sieben größten Technologieunternehmen der USA legten 2020 sage und schreibe 2,8 Billionen Euro an Marktwert zu – mehr als die Gesamtwirtschaftsleistung des Vereinigten Königreichs. So astronomisch – und je nachdem, wem man Glauben schenken möchte, überbewertet – diese Zahlen sein mögen, so zeichnen sie doch ein klares Bild: während viele Teile der „alten Welt“ gerädert durch die Krise gingen, legten Technologieunternehmen und Internet-Start-ups einen noch nie dagewesenen Siegeszug hin.

Fazit

Selbst wenn sich manche dieser Rahmenbedingungen ändern sollten, müssen sich viele Gründer, wie wir meinen, nicht den Kopf zerbrechen. Das letzte Jahrzehnt, und gerade das letzte Jahr, haben uns gezeigt, dass Marc Andreessen Recht hatte, als er das noch lange nicht ausgereizte schöpferische Potenzial der Digitalisierung prägnant auf den Punkt brachte. Auch zehn Jahre und eine globale Pandemie später hat sich daran nichts geändert. Ob Digitalisierung, Klimawandel, Biotechnologie oder in vielen anderen Bereichen – das Potenzial für Innovation und revolutionäre Start-ups bleibt enorm.

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