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Amazon der Bauern

Markta tritt nicht nur als Online-Bauernmarkt auf, sondern bietet lokalen Produzenten eine Plattform zur Selbstvermarktung. Die Corona-Krise ist für die ganze „Branche“ ein Turbo.

(Foto: markta/Mara Hohla)

Am Anfang war es nur ein Traum: Alternativen zur Industrieware zu schaffen und die Nahversorgung in Österreich zu stärken. Und dann kam Corona: Erntehelfer sind ausgefallen, viele Bauernbetriebe haben ihren Direktvertrieb verloren. „Mit Corona sind wir um das 20-Fache gewachsen. Von 120 Bestellungen auf zirka 2.500 pro Woche. Dabei bleiben uns zwei bis drei Euro pro Paket. Wir möchten in diesem Jahr den Break-even-Point überschreiten“, sagt Theresa Imre, Gründerin der Handelsplattform für regionale Lebensmittel „Markta“.

Die Firma gibt es seit 2018. Der Umsatz beläuft sich aktuell auf zwei Millionen Euro. Imre arbeitet in Österreich mit zirka 500 Betrieben zusammen. Knapp 400 stehen auf der Warteliste. Der Andrang, mit dem zwölfköpfigen Team von Markta zusammenzuarbeiten, ist groß. Zum einen liegt das an der Unterstützung, die Markta als Vermarktungs-, Vertriebs- und Logistikplattform den Kleinbetrieben bietet, und zum anderen an der fairen Bezahlung. Dafür sind auch die Preise für den Kunden höher: Ein Liter Milch kostet zwischen 40 und 80 Cent mehr als im normalen Lebensmitteleinzelhandel.

Doch zurück zum Plattformgedanken. Markta fungiert nicht nur als klassischer Händler, der bei seinen Lieferanten einkauft und die gelagerte Ware versendet. Sondern man tritt als „Marketplace“ – wie dies bei Amazon für Drittanbieter der Fall ist – auf. Das verschafft den Bauern einen Digitalisierungsschub.

Marktplatz mit Provision

„Viele kleine Bauernbetriebe haben keine gut funktionierende Warenwirtschaft. Wir nehmen sie an der Hand und schulen sie ein“, so Imre, die zuvor in der Unternehmensberatung tätig war. Markta ist ein lukrativer Absatzkanal für Bauern, die an Supermärkte so nicht rankommen würden. „Supermarktketten verlangen bestimmte Mengen und Verfügbarkeiten, die nicht immer mit der Erntezeit zusammenhängen. Man kann dem Spargel nicht befehlen, wann er reif zu sein hat“, setzt die 30-Jährige fort. Und genau hier setzt Imre an, indem sie die fehlende Ausstattung anbietet und über ihren Shop nur Produkte verkauft, die die Bauernbetriebe zu diesem Zeitpunkt auch anbieten können.

Von den über die Markta-Plattform verkauften Produkten dürfen sich die Betriebe 70 Prozent der Einnahmen behalten, allerdings müssen sie auch selbst den Versand erledigen. Anders ausgedrückt: Markta kassiert 30 Prozent für die Listung auf der Plattform. Zum Vergleich: Auf Amazons Marketplace fallen zwischen acht und 15 Prozent Provision für den Verkauf von Lebensmitteln an.

Zustellung per Post und Fahrrad

Im Online-Shop stellt man die Einkaufsliste zusammen und bezahlt. Nicht nur Obst
und Gemüse, sondern auch Fleisch, Fisch, Brot und Käse sind zu kaufen. Derzeit kann man zwischen rund 550 Produkten aus­wählen.

Für Erstkunden gibt es ein „Kennenlern-Packerl“, das um die 25 Euro kostet. Der Preis für das Gemüsekistl beträgt 22 Euro. Die Bestellung kommt zum Produzenten, der dann die Ware innerhalb von 48 Stunden zu Markta schickt. „Wir packen die Produkte in eine Box, die mit Schafwolle isoliert ist, um die 24-Stunden-Kühlkette zu sichern und bringen diese per Hauszustellung zum Kunden“, erklärt Imre. In Wien erfolgt die Zustellung zweimal in der Woche in Zusammenarbeit mit dem Lieferdienst Veloce. Außerhalb von Wien gibt es eine Kooperation mit der Post, die extra für Lebensmittel eine Next-day-Zustellung anbietet. Ab einem Einkaufspreis von 39 Euro erfolgt die Hauszustellung kos­tenlos.

Johanna vom Feld: Regional und exotisch

Der Stängel einer Paprika ist um zwei Zentimeter zu lang, das ist ein Ausschlusskriterium, damit das Gemüse im Supermarkt landet. Das heißt: Was zu groß, zu klein oder unförmig ist, wird aussortiert. Dem möchte die Markus Wolf Online-Handels GmbH entgegenwirken, indem sie den Betrieben die Produkte so abkauft, wie sie auf dem Feld gewachsen sind. Vor zirka drei Jahren wurde „Johanna vom Feld“ gegründet, ein Online-Shop für frisches Obst und Gemüse. Mit 40 bis 60 Lieferanten im In- und Ausland arbeitet das Unternehmen derzeit zusammen. Zirka 50 Prozent der Produkte sind aus der Region. „Bei Gemüse und Milchprodukten können wir vorwiegend auf regionale Produzenten zurückgreifen. Schwieriger ist es beim Obst, da auch Zitrus- und exotische Früchte zu bestellen sind“, erklärt Markus Wolf, Geschäftsführer von Johanna vom Feld.

Sieben verschiedene Obstkörbe und Gemüsekisterln stehen zum Kauf zur Verfügung. Die Kosten: je 22 Euro. Im Angebot sind neben Obst und Gemüse auch Säfte, Schokolade oder auch diverse Teesorten. Derzeit kann man im Online-Shop zwischen rund 380 Produkten auswählen. Für dieses Produktangebot ist Johanna vom Feld auch eine Kooperation mit dem Biohof Adamah in Niederösterreich eingegangen. „Im ersten Lockdown ist das Bestellaufkommen binnen zwei bis drei Tagen um den Faktor zehn gewachsen und nach dem Lockdown wieder etwas abgekühlt. Im zweiten Lockdown ist das Aufkommen wieder angestiegen, jedoch nicht mehr so stark“, so Wolf.

Same Day Delivery

Das fünfköpfige Unternehmen sucht den direkten Kontakt zu den Lieferanten. Die Ware wird bei ihnen gekauft, in die Zentrale nach Graz gebracht und mit einem Aufschlag weiterverkauft. Die Marge ist dabei etwas höher als im gewöhnlichen Lebensmitteleinzelhandel, ebenso der Preis der Produkte. Das Logistik-Team von Johanna vom Feld kümmert sich um Verpackung und persönliche Zustellung der bestellten Ware, die nur in Graz und Graz Umgebung erfolgt. Trennsysteme und Kühlpads helfen dabei, die Ware frisch zu halten.

„Wir verzichten bewusst auf Kooperationen mit Lieferdiensten, um Johannas Versprechen halten zu können: „Rasche Lieferung am selben Tag“, sagt Wolf. Lieferungen außerhalb der Kernzone erfolgen einmal pro Woche und sind ab 20 Euro kostenfrei. Dass das Geschäftsmodell erfolgreich ist, begründet Wolf auch mit seiner treuen Kundschaft. „Es gibt eine wachsende Gruppe an Menschen, die bewusst den klein strukturierten Lebensmittelhandel unterstützen möchten und dabei eine kleine Preisdifferenz gegenüber den Großkonzernen akzeptieren.“ Ein Liter Milch kostet bei Johanna vom Feld zwischen elf und 51 Cent mehr als im normalen Lebensmitteleinzelhandel. Das zahlen die Kunden auch, um die regionale Produktion in Österreich zu stärken.

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