Auf der richtigen Busspur

Wie Blaguss den Sprung vom burgenländischen Pendlerbus zum europäischen Tourismusanbieter geschafft hat. Mit Kongressen, Sightseeing und der Beteiligung am Wiener Donauturm fährt der Familienbetrieb seine Kunden zwischen den Geschäftsfeldern geschickt hin

Foto: Pepo Schuster, austrofocus.at

Der Ölwechsel ist fertig. 32 Liter sind aus dem Linienbus raus- und wieder reingeronnen. Jetzt steigt der Mechaniker aus der Werkstattgrube und öffnet das Heck. Da und dort checkt er mit geübtem Griff ein paar Schrauben. Daneben wird gerade ein Reisebus generalgereinigt. Putzmittel und Lappen so weit das Auge reicht.

Alle 600 Busse der Blaguss-Flotte, die pro Jahr 2,5 Millionen Passagiere herumkutschieren, müssen regelmäßig zum Boxenstopp. Dann sind die Mechaniker und Reinigungskräfte gefragt, sie schnell wieder fürs nächste Rennen klarzumachen. Im Headquarter in Wien-Liesing laufen alle Fäden zusammen. Die Boxencrew werkt neben den Teamchefs.

Dabei hat Unternehmensgründer Paul Blagusz ganz klein begonnen. In den 1920ern in Oberpullendorf hatte er die Idee, Bauern mit ihren Produkten nach Wien auf die Märkte zu führen. In der Freizeit tuckerte er mit ihnen nach Mariazell zum Wallfahrten.

Dann kam der Krieg und das Regime konfiszierte alle Busse. Gleiches taten die russischen Besatzer die Jahre danach. „Unser Großvater musste sein Business dreimal beginnen. Sein Pioniergeist ist das Fundament unserer heutigen Firma“, erklärt Thomas Blaguss, einer der Enkel, stolz. Er führt seit 2001 gemeinsam mit seinem Cousin Paul (ebenso mit dem Nachnamen Blaguss) das Busunternehmen in dritter Generation. Und an Umtriebigkeit mangelt es den beiden, von denen nur Thomas Blaguss den Busführerschein besitzt, nicht. Das Unternehmen – seit den 80er-Jahren mit Hauptsitz in Wien – tanzt auf mehreren Hochzeiten und macht damit 165 Millionen Euro Umsatz.

Blaguss hält heute mehr als 30 Beteiligungen und Töchter im Bereich Bus, Touristik, Event und sogar ein Stückerl am Wiener Donauturm. Doch nun zum ersten Tanz auf vier beziehungsweise sechs Rädern.

Zugpferd Charter

Trotz Gaulerei auf vielen Festen ist Charter das Kerngeschäft von Blaguss. „Wir stellen nicht nur für einen Tag den Bus zur Verfügung, sondern wir fragen den Kunden: ,Was können wir dir noch zusätzlich anbieten?‘“, sagt Thomas Blaguss. Maßgeschneiderte Packages sind der Königsweg. Im Fall von Schulskikursen bedeutet das: Blaguss stellt nicht nur den Bus für die Hin- und Heimfahrt, sondern versucht, die ganze Skiwoche zu organisieren und dabei mitzuverdienen: „Wir vermitteln die Liftkarte, wir besorgen das Leihmaterial und wir holen örtliche Skilehrer dazu“, veranschaulicht es der Geschäftsführer. Pro Jahr wickeln sie das für 40.000 Schüler ab. Das Busfahren wird dabei zur Nebensache. Und das lässt sich auch wunderbar aufs Servicieren von nach Österreich Reisenden („Incoming“-Tourismus) umlegen: Kommt etwa ein Donaukreuzfahrtschiff in Wien an, ist schon lange davor die Blaguss-Maschinerie angelaufen. „Wir organisieren die Eintritte, die Guides, das Konzert, den Heurigen. Ja wir veranstalten sogar Konzerte selbst“, schildert Co-Geschäftsführer Paul Blaguss und ergänzt: „Dadurch können wir unsere Busleistung gut unterbringen.“

Das geht freilich nur mit einem kräftigen Rückgrat organisatorischer Kompetenz. Und die stammt aus der langjährigen Tradition, selbst Reisen zu veranstalten und Reisebüros zu betreiben. Seit Jahrzehnten gehören zu Blaguss elf Reisebüros in Österreich und drei in Ungarn. Ob „ins winterliche Prag“ oder „Zum Schinkenfest nach Istrien“, Busfahren als Reise zu verpacken war seit Mitte der 1960er die logische Erweiterung zum reinen Personentransport. Und ist es heute noch.

Denn die Nachfrage nach Busfahren in den Urlaub boomt. Das hat mit dem veränderten Reiseverhalten zu tun, weiß Paul Blaguss: „Man fährt übers Wochenende weg statt Zwei-Wochen-Cluburlaub.“

Reisebüros zu betreiben ist auch im Online-Zeitalter noch ein lukratives Geschäft. „Sie stehen nicht vor dem Ende. Ganz im Gegenteil, die Kunden wollen wieder von Angesicht zu Angesicht mit jemandem sprechen“, ergänzt Thomas Blaguss. Den persönlichen Kontakt gibt es  – ob gewollt oder ungewollt – auch im anderen Geschäftsbereich, den Fern- und Linienbussen. Und damit zur nächsten Hochzeit. Auf ihr wird nicht ganz so fröhlich getanzt.

Wilde Ehe mit Flixbus

Wer in Wien oder Oberpullendorf von A nach B will, hat gute Chancen, in einem Blaguss-Vehikel zu landen. Abseits der Stadtlinien zieht der Busgigant auf vielen regionalen Linien zwischen dem Mariazeller-Land, Wien und dem Burgenland seine Bahnen.

Doch Blaguss hat – ausgehend vom damaligen Heimathafen Oberpullendorf – schon immer die Fühler Richtung Osten ausgestreckt. Bereits vor der Ostöffnung bewies man Pioniergeist und fuhr nach Ungarn und in die Tschechoslowakei. Das ist heute nach wie vor so. Vom Vienna International Busterminal (VIB), den Blaguss um zwei Millionen Euro selbst gebaut hat, geht es im Linienverkehr unter anderem nach Bratislava, Maribor, Zagreb oder Venedig. Teils mit lokalen Buspartnern, aber großteils mit der Münchner „Buskrake“ Flixbus.
Das ist ein eigenes Kapitel in der Unternehmensgeschichte. Zwar hat Blaguss im Jahr 2011 mit dem Partner Rail Holding AG (Westbahn-Eigentümer) das Jointventure „Westbus“ gegründet und wollte ein größeres Netz in Osteuropa aufbauen. Doch dann betrat 2014 Flixbus die Bühne, krempelte die Branche um und torpedierte damit Westbus. Die neue Konkurrenz, die zwar keinen Bus besitzt, aber alle beherrscht, war zu mächtig.
Krisensitzung im Hause Blaguss. „Wir haben überlegt, ob wir gegen Flixbus kämpfen sollen oder nicht“, erinnert sich Thomas Blaguss lebhaft. Ganz im Stile der Habsburger hat man dem deutschen Platzhirschen klugerweise nicht den Krieg erklärt, sondern Westbus „in eine Partnerschaft“ eingebracht. Im Klartext: Blaguss darf mit rund 50 Linien als Buspartner für Flixbus fahren. Und damit diese Liaison auch einen Namen hat, gründete man das Joint-venture Flixbus CEE und nascht damit auf den Flix’schen Linien zwischen Österreich und Osteuropa mit. Doch die Mitgift dieser Hochzeit hat einen Haken. Man muss sowohl profitable als auch defizitäre Linien betreiben. Unterm Strich geht es sich mit der CEE-Unternehmung für schwarze Zahlen aus, heißt es.

Statt Rosenkrieg lebt man also in wilder Ehe mit Flixbus. „Mir wäre es lieber, es wäre so wie früher. Aber die Wahl hatten wir nicht. Wir sind nun Teil des neuen Systems und sind zufrieden“, meint Thomas Blaguss. Der Preisdruck sei hoch, denn Busunternehmen liefern sich vor Flixbus einen harten Preiskampf. Blaguss hat dabei aufgrund seiner Unternehmensgröße Wettbewerbsvorteile.

Bleibt noch die Frage, warum Blaguss mit jahrzehntelanger Erfahrung  im Business nicht zum europaweiten Gamechanger wie Flixbus ausgeholt hat? „Das ist eine andere Liga. Flixbus hat Investoren. Wir haben weder Zeit, Lust noch Geld, solch einen Expansionsweg zu gehen“, erläutert Thomas Blaguss. Geld, Zeit und Lust inves­tiert man lieber anderweitig. Schließlich gibt’s noch viele Hochzeiten.

Von der Oper zum Donauturm

 

So etwa jene mit den Kongress- und Eventveranstaltungstöchtern Admicos sowie WKE. Wie passt das dazu? „Zu Kongressen kommen Tausende Menschen. Das bedeutet Transportbedarf“, weiß Paul Blaguss. Hier zäumt man das Pferd von hinten auf. Anders als beim Charter, wo man zum Transport Zusatzleistungen packt, schafft man hier zusätzlichen Transportbedarf.

Ein Rad greift ins andere. „Bausteine aus dem Transport und dem Tourismus haben wir immer verknüpft“, so Paul Blaguss. Paradebeispiel: Gemeinsam mit drei Partnern, darunter Mitbewerber Dr. Richard, führt man mit dem Hop-on-hop-off-Bus „Vienna Sightseeing“ Touristen zur Oper, zum Parlament und zum Donauturm. So ein „Zufall“, dass Blaguss an diesem 252 Meter hohen Wahrzeichen 40 Prozent hält. 2015 hat man die Anteile vom Vorbesitzer Bank Austria gekauft und dann das Café umgebaut. Über die Summe hält man Stillschweigen, doch Medienberichte kolportieren rund zehn Millionen Euro. Seit Frühling drehen sich Gäste wieder bei Cremeschnitten und Mélange um die Turmachse.

Weniger geschmeidig drehen sich die Dinge unter dem Turm. Dort plant Blaguss einen Biergarten mit einem Fassungsvermögen von 4.500 Besuchern. Kein Wunder, dass die Anrainer auf die Barrikaden klettern. Sie fürchten, dass es dann mit der Idylle an der Alten Donau vorbei sein wird. Seitens Blaguss gibt es dazu keinen Kommentar, man befinde sich im Behördenverfahren.

Zurück zum Erfreulichen, zu den schwungvollen Tänzen. Welche Partner bittet Blaguss künftig aufs Parkett? Wachstum, so Thomas Blaguss pragmatisch, sei in allen Bereichen möglich: „Wenn sich eine Chance ergibt, werden wir es machen.“ Und zwar gemeinsam,  denn die Cousins auf der Kommandobrücke führen die Unternehmensgruppe in enger Abstimmung miteinander. „Wenn einer der Meinung ist, etwas funktioniert nicht, dann machen wir es nicht“, meint Thomas Blaguss dazu. Möglicherweise wird das auch in der nächsten Generation der Fall sein. Denn die beiden CEOs haben drei Sprösslinge, die hoffentlich den Kurs auf der richtigen Busspur halten werden. Oder zumindest klug heiraten.

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