Boliden fürs Grobe

Ob Radpanzer, geländegängiger Lkw oder Wechselaufbauten – Spezialfahrzeuge aus Österreich sind weltweit bei Militär und Polizei gefragt. GEWINN mit einem Streifzug durch die öffentlichkeitsscheue, rot-weiß-rote Rüstungsindustrie.

Ein vierachsiger Lkw aus der Serie HX von RMMV, dem Jointventure von Rheinmetall und MAN. Gebaut werden diese Kraftpakete in Wien (Foto: Rheinmetall AG)

Sie ziehen hängengebliebene Kampf­panzer aus dem Wüstensand, waten durch ein Meter tiefes Wasser und kraxeln über hüfthohe Hindernisse. Oft bringen sie Material zu den Soldaten oder fungieren gar als fahrbarer Untersatz für Haubitzen, Radarstationen oder Flugabwehr. Hinter dem schlichten Kürzel HX verbirgt sich einer der leistungsstärksten Militär-Lkw der Welt. In seiner schwersten Ausführung mit fünf Achsen wiegt er 50 Tonnen und hat über 500 PS. 25.000 Stück dieser Fahrzeuge mit dem bulligen Cockpit sind weltweit im Einsatz.

Gebaut werden sie ausschließlich in Wien-Liesing, bei RMMV. Das steht für Rheinmetall MAN Military Vehic­les und bezeichnet das 2010 gegründete Jointventure zwischen dem deutschen Automotive- und Rüstungskonzern Rheinmetall und dem deutschen Lkw-Hersteller MAN. „MAN bringt die Automotive-Komponente ein, Rheinmetall das Spezialwissen rund um Militärfahrzeuge“, erklärt RMMV-Österreich-Geschäftsführer Bernhard Pöltl. Dazu muss man wissen, der Rheinmetall-Konzern (sechs Milliarden Euro Umsatz, drei davon im Bereich Defence), mit Hauptsitz in Düsseldorf, fertigt Rad- und Kettenfahrzeuge sowie Kanonen, Munition und Feuerleitsys­teme, etwa für den Kampfpanzer Leopard aus dem Hause Krauss-Maffei Wegmann.

Geschützte Lkw für Auslandsmissionen

Zurück nach Liesing, zu den Logistik-fahrzeugen. Die Gründe der ehemaligen Gräf-und-Stift-Werke verlassen pro Tag elf fertige Fahrzeuge. Gerade herrscht Vollbetrieb, denn die deutsche Bundeswehr hat 1.000 Stück bestellt. Dieser Teil eines Rahmenvertrages über 2.200 Stück wiegt satte 400 Millionen Euro. Ebenso hat die australische Armee 1.100 HX als Folgeauftrag nach 2.600 bereits produzierten Fahrzeugen geordert. „Der HX ist ein fast konkurrenzloses Produkt, denn der Lkw wurde ausschließlich für den militärischen Gebrauch konzipiert“, sagt Pöltl. Dies ist nicht „branchenüblich“, denn bei anderen Herstellern sind die Defence-Fahrzeuge oft das Standardprodukt mit grünem Anstrich. Für den rauen Einsatz im Feld, wenn etwa Maschinengewehre und zusätzliche Panzerung dem Fahrgestell und Motor zusetzen, sind sie nur mäßig geeignet.

Stichwort Panzerung: „Der Trend geht in Richtung geschützte Fahrzeuge“, erläutert Pöltl. Denn während in klassischen Bedrohungsbildern Logistikfahrzeuge hinter der Front operieren, sieht es bei Auslandseinsätzen anders aus. Die Bundeswehr fährt etwa Konvois in Afghanistan. Die Besatzung ist dadurch ständig Beschuss, Minen und Sprengfallen ausgesetzt.

Daher gibt es den HX auch in einer  gepanzerten Variante. Monocoque-Panzerstahl-Wanne, Panzerglasscheiben, wahlweise verfeinert mit einer fernbedienbaren Waffenstation am Dach. Eine vollgeschützte Variante mit fünf Achsen und Bergeaufbau kommt gleich auf 1,6 Millionen Euro, während die leichte, ungepanzerte Variante bei 120.000 Euro beginnt.

Zivile Spompanadln fürs Militär adaptieren

Doch neben dem Schutz gegen feindliches Feuer fordern die Kunden immer mehr Funktionalität und Technik. Mit Funksystemen und Battle-Management-Systemen an Board mutieren Logistikfahrzeuge vom einfachen Laster zur mobilen Befehlsstelle, etwa für Operationen in Auslandseinsätzen. „Die Schwierigkeit ist es, die von MAN ständig verbesserte Technologie aus dem zivilen Bereich ins Militärische zu adaptieren“, erklärt Pöltl. Denn während eine fancy Fahrerhausbeleuchtung bei Truckern Eindruck schindet, bewirkt sie in Krisengebieten das Gegenteil von Tarnung. Automatisch gedrosselte Motorleistung ist ebenso ein No-go, wenn etwa „Ad Blue“ nachgefüllt werden muss. „Alles muss abschaltbar sein“, vereinfacht es Pöltl. Genauso muss die Elektronik abgeschirmt werden, damit die Signatur gegenüber feindlicher Aufklärung möglichst gering bleibt.
Pöltl ist sichtlich stolz beim Rundgang durch die rund zehn Hektar große Fertigung. So rosig wie heute waren die Zeiten nicht immer. 2013 standen mehrere hundert Jobs vor dem Aus, die aber der Großauftrag aus Australien rettete. RMMV macht in Wien 520 Millionen Euro Umsatz (Exportquote 97 Prozent) mit 1.200 Mitarbeitern.

„Saurerwerke“ hoffen auf Bundesheerauftrag

Eine richtungsweisende Phase durchläuft gerade der in Wien-Simmering ansässige Standort des Rüstungskonzerns General Dynamics European Land Systems, kurz GDELS. Die fünf Buchstaben mit Headquarter in Spanien sind die Europa-Niederlassung des US-Konzerns General Dynamics (29 Milliarden Euro Umsatz).

Das Werk in Wien, die ehemaligen „Saurerwerke“, später Steyr Daimler Puch (Haflinger, Pinzgauer, Schützenpanzer Saurer, Jagdpanzer Kürassier), ging 2003 an General Dynamics. Geblieben ist in Wien die Produktion des Kettenschützenpanzers Ulan für den Heimmarkt sowie jene des Radpanzers Pandur. Letzteres Modell ist in Österreich seit 1996 im Einsatz, ebenso verwenden ihn die Armeen Sloweniens, Belgiens, Portugals, Tschechiens. Wien ist im Konzern das Pandur-Kompetenzzentrum und baut daher auch die neueste Pandur-Variante namens „Evolution“. Aber: „Derzeit arbeiten wir daran, neue Aufträge zu bekommen“, sagt GDELS-Österreich-Geschäftsführer Martin Reischer. Und die wären essenziell, um den Standort Wien – aktuell 65 Millionen Euro Jahresumsatz bei 150 Mitarbeitern – im Konzern zu rechtfertigen.

„Der Einkauf einer wesentlichen Stückzahl von Pandur-Fahrzeugen durch das Bundesheer stellt das Fundament für zukünftige Geschäfte auf internationalen Märkten dar“, fügt Reischer hinzu. Daher hofft man auf das Abrufen der vertraglich festgehaltenen Option von 62 weiteren Fahrzeugen durch das Bundesheer. 34 Pandur „Evo“ wurden in den vergangenen Jahren fix geordert und sind teilweise ausgeliefert. Bis März soll es sich entscheiden, ob die Order mit rund 120 Millionen Euro Volumen eintrudelt.

Dabei passt der Pandur, den es sowohl in Drei- und Vier-Achs-Ausführung gibt, zu aktuellen Bedrohungsbildern. Er ist wendig und damit für Einsätze im urbanen Umfeld, für den Katastrophenschutz sowie für die Polizei, geeignet. Rundumkamerasystem, elf Mann Kapazität, und mit einer Waffenstation „nach Wahl“ lauten einige der Spezifikationen. Darüber hinaus ist mit diesem Projekt eine sehr hohe Wertschöpfung in Österreich von rund 70 Prozent verbunden. Mehr als 220 Lieferanten aus ganz Österreich sind am Bau des Pandur Evo beteiligt.

Mögliche Pinzgauer-Nachfolge

Langweilig ist es aber bei GDELS in Wien trotzdem nicht. Für den in Spanien vom Band laufenden Schützenpanzer ASCOD (im Bundesheer Ulan genannt) entwickelt man die elektronische Architektur. „Mit diesen Kompetenzen unserer hochqualifizierten Mitarbeiter haben wir einen beachtlichen Ruf im GD-Konzern“, so Reischer. Gerade ist man an einem neuen Auftrag für Kettenfahrzeuge in Tschechien dran, 600 ASCOD für UK befinden sich in der Auslieferung.

Neben dem Pandur-Auftrag „aus den eigenen Reihen“ hofft Reischer noch auf eine Ausschreibung für neue Geländefahrzeuge à la „Pinzgauer“. Der Inbegriff der kultigen Mobilität im Bundesheer wird schon seit rund 20 Jahren in Österreich nicht mehr produziert und die uralten Gefährte werden in großer Zahl aus dem Heer ausgeschieden. Ohne nennenswerte Ersatzbeschaffungen. GDELS hat mit dem Duro ein Pinzgauer-ähnliches Produkt im Repertoire, das unter anderem in der Schweizer Armee im Einsatz ist. Im Falle eines Auftrages würde der Standort Wien wesentliche Teile des Fahrzeugs produzieren.

Vom Geldtransporter zum Polizeipanzer

Was 1932 in Tirol mit einer Wagenschmiede begonnen hat, wurde 40 Jahre später zum Hersteller für Lkw-Anhänger und Nutzfahrzeuge, etwa für die Forstwirtschaft. Ein Zufall bescherte der Firma Achleitner in den 1980er- Jahren die Konstruktion eines Behördenfahrzeugs. Dank des damit aufgebauten Know-hows im Unternehmen folgten Aufträge über Geldtransporter für Osteuropa und den Balkan. Gegen Ende der 1990er, als Vorbereitung zur Euro-Einführung, ging es dann mit gepanzerten Fahrzeugen weiter. Schließlich wollten die Nationalbanken die neue Währung auch sicher ausliefern. „Fahrzeuge für Militär und Polizei sind die logische Erweiterung“, wie Franz Achleitner, Firmenchef und Enkel des Gründers, erzählt. 2006 verließ der ers­te „Survivor“, ein schweres, gepanzertes Räderfahrzeug, das Werk. Sicherheitsbehörden aus Österreich, der Schweiz, Deutschland, Kuwait, Singapur, Belgien und Slowenien waren und sind die Käufer – im Schnitt eine Hälfte für Polizei, die andere fürs Militär.

Heute stammt die Hälfte von 80 Millionen Euro Jahresumsatz aus dem Bereich dieser „Sonderschutzfahrzeuge“. 30 davon produziert Achleitner pro Jahr. Die hohe Kunst ist dabei die Abstimmung der Komponenten. „Früher haben wir auf das Chassis von Herstellern wie MAN oder Iveco aufgebaut, heute bauen wir unser eigenes“, sagt Achleitner. Panzerungen kauft er in Deutschland und Frankreich. „Getestet wird bei uns im Beschusskanal, zertifiziert bei unabhängigen Instituten“,  so der CEO weiter, der lieber „Schutz“, statt „Panzerung“ sagt.

Autonomes Fahren ist ein Thema

„Schutzplatten“ und Panzerstahl (man arbeitet mit Rheinmetall zusammen) machen das Fahrzeug träge. So wiegt der Survivor II satte 17 Tonnen. „Immer geringer werdendes Gewicht und gleichzeitig höhere Schutzklasse sind daher die Stoßrichtung bei der Weiterentwicklung. Und das autonome Fahren. „In naher Zukunft wollen wir Sys­teme der Stufe 2 auf den Markt bringen“, verrät Achleitner. Dazu zählen unter anderem Spur-, Brems- und Beschleunigungsassistenten. E-Mobilität ist noch kein Thema in diesem Bereich. Der Stromverbrauch ist auch bei stehenden Fahrzeugen schon enorm. „Bei Aufklärungseinsätzen kann das Fahrzeug mit abgeschottetem Cockpit bis zu drei Stunden ohne Verbrennungsmotor ausharren“, so Achleitner. Freilich bei laufender Klimaanlage samt Frischluftanlage mit Schutz gegen chemische und biologische Kampfstoffe.

So viel High-Tech in einem Produkt ist weltweit begehrt. Mit „sehr gut“ betitelt Achleitner die Auftragslage. Unter anderem sind das Survivors für Singapur und für Frankreich.
Der Heimmarkt ist hingegen winzig. Die Spezialeinheit der Polizei, Cob­ra, nennt einen Survivor II ihr Eigen. Je nach Beschussklasse und Ausführung liegt der Stückpreis zwischen 700.000 und 1,4 Millionen Euro.

Lkw-Aufbauten zum Austauschen

1926 als Schmiedebetrieb begonnen und 1948 als Hersteller von landwirtschaftlichen Anhängern weitergeführt, wandelte sich Empl zum internationalen Spezialisten für Sonderaufbauten auf Lkw-Fahrgestellen. Zu den ersten Exportkunden zählten bereits in den 1970er-Jahren die ölfördernden arabischen Länder. Empl erweiterte sein Portfolio um Aufbauten für Truppen- und Gütertransporter, später kamen jene für Fahrzeugbergungen dazu. „Die Anforderungen der Kunden führte zur ständigen Erweiterung unseres Angebots“, sagt Joe Empl, Firmenchef und Enkel des Gründers. So kamen etwa mobile Werkstätten dazu, „da unsere Kunden auch im Feld reparieren müssen“, ergänzt Empl. Ob Aufbauten für Tankwagen, Sanitätsfahrzeuge, Anti-Demo-Equipment, Wechselsysteme oder Shelter – „unsere Produkte sind überwiegend individuelle Lösungen, angepasst an die Anforderung der Anwender“, erklärt Empl.

Die Vielfalt bescherte Empl ein stetiges Wachstum. Heute macht der Behördenbereich rund die Hälfte des Umsatzes von 130 Millionen Euro aus. Aktuelle Krisenherde sind nicht gut, „denn je größer die Krise, desto schwieriger ist ein Land zu beliefern“, skizziert Empl. Die Aufbauten gelten als „Dual Use“, also zur militärischen und zivilen Nutzung, und unterliegen damit Exportbeschränkungen. Waren der Irak und Libyen früher gute Kunden, sind sie heute Tabu.

Afrika ist guter Kunde

Andere Käufer sind auf dem ganzen Erdball verteilt, Schwerpunkt Mittlerer Osten sowie Europa, Südamerika und Afrika. Der „schwarze Kontinent“, so Empl, sei gerade ein sehr aufstrebender Markt. So produziert man derzeit 800 Pritschenaufbauten für einen afrikanischen Kunden, daneben 2.000 Containerrahmen für die Bundeswehr, 300 Unimog-Aufbauten für Litauen. Langfristig denkt Empl über Niederlassungen auf anderen Kontinenten nach, denn Ausschreibungen verlangen vermehrt lokale Wertschöpfung.
Über alle Geschäftsbereiche, und damit auch inklusiver ziviler Lösungen von Empl, liegt die Exportquote bei 75 Prozent. „Zwar ist der Budgetrahmen unseres Bundesheeres überschaubar, doch hat es mit der Einführung der Wechselaufbauten eine Vordenkerrolle eingenommen“, berichtet er. Andere Armeen orientieren sich daran. So besticht der Heimmarkt immerhin mit guten Ideen. Doch finanziell sieht es derzeit „zu Hause“ gar nicht mau aus:

Vor einigen Wochen erhielt Empl vom  Bundesheer eine Bestellung über 200 Stück Wechselaufbauten für den Mannschaftstransport, zusammen mit den Tragrahmen von RMMV auf MAN-Fahrgestellen. 

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