Der Landbeschleuniger

Seit Februar ist Rudolf Schrefl neuer CEO des Mobilfunkers Drei. Der Manager, der seit der Stunde null im Unternehmen ist, will 5G in 700 ländliche Gemeinden bringen und damit Österreichs größtes Netz bauen.

(Foto: Ernst Kainerstorfer)

Gartensprenkler, Licht, Jalousien – eine Hausautomatisierungsanlage ist nichts Außergewöhnliches mehr. „Meine programmiere ich selbst“, erzählt Rudolf Schrefl und meint damit nicht Knop ferldrücken, sondern Programmcode. „Bei Informatik blutet mein Herz heute noch“, ergänzt der CEO des Mobilfunkers Drei über seine mittlerweile zum Hobby mutierten Coding-Künste.

Brotberuf waren sie vor drei Jahrzehnten. Schrefl, gebürtiger Wiener, absolvierte die Schule für Datenverarbeitungskaufleute und stürzte sich danach gleich ins Berufsleben. Klassisches Projektgeschäft, wie er sagt, durchaus mit Highlights: „Ich bin zwei Jahre bei IBM im Labor gestanden und wir haben ein Betriebssystem mitentwickelt.“ Solch ein Hardcore-Programmieren war zwar prägend, doch fehlte es ihm bald an der kreativen Komponente in diesem Job. „Ganz besonders die Kommunikation mit Menschen“, so Schrefl, der sich daraufhin mit Produktentwicklung und Marketing „on the Job“ bei diversen beruflichen Stationen in dieser Branche weiterentwickelte.

Seine Stärke im Vertrieb war es, die ihn vom Programmierer zum Business-Developer wandelte und ihn bis nach Florida brachte. „Ich war bei einem mittelständigen IT-Manufacturer im Vertrieb für den europäischen und asiatischen Markt zuständig“, berichtet Schrefl. Bald darauf ging es zum Jointventure des irisch-US-amerikanischen Speicherherstellers Seagate und des französischen Medientechnikkonzerns Thomson Multimedia. Digitales Videorecording auf Festplatte stand damals auf Schrefls Agenda. Dass so manche Technologie heute zum Schmunzeln anregt, liegt in der Natur der Sache.

Wer braucht 3G?

Geschmunzelt hat man in Österreich auch, als der Mobilfunker Drei im Jahr 2003 „live“ ging. Erinnern Sie sich noch an die Werbespots, in denen spacige Handys mit Videotelefonie propagiert wurden? „Gerade der Mitbewerb hat gesagt: ,Wer braucht euch?‘ und ,Wer braucht diese Technologie überhaupt?‘“, erinnert sich Schrefl, der im Zentrum der Kritik saß. Denn er leitete zu diesem Zeitpunkt den Vertrieb dieser „neumodischen“ Firma, die in Österreich das erste UMTS-(3G-)Netz ausrollte. Schrefl war von der Stunden null dabei.

An den Vorabend des offiziellen Starts erinnert sich Schrefl noch, als Kollegen aus dem Management Bedenken hatten, ob das Drei’sche Netz überhaupt stabil genug sei. Oder an die Mitarbeiter des Kundenservice, die im Kreis um ein Telefon saßen und auf den allerersten Kundenanruf warteten. „Das war Goldgräberstimmung“, schwärmt er von der Zeit, in der ein Mobilfunkunternehmen von der Pike aufgebaut wurde. Heute witzig erscheinende Diskussionen wie „brauchen wir überhaupt einen Webshop?“ inklusive. Schrefls IT-Background kam ihm zugute, denn die Drei-Mannschaft bestand damals fast nur aus Technikern und kaum „kommerziellen Kollegen“.

Underdog fordert heraus

Auf dem Mobilfunkmarkt herrschte beim Drei-Start schon reger Wettbewerb. „Wir haben mit unserer Technologie den Mitbewerb mitgerissen“, so Schrefl, der sich heute noch als den Herausforderer unter den Big Three (weiters A1, Magenta) sieht. „Wir waren lange der Underdog, der etwa mit weniger Frequenzen und Ressourcen trotzdem das ,beste‘ Netz hatte“, schildert Schrefl. Und als kleinster im Bunde schluckte man 2013 den nächstgrößeren Fisch namens Orange.

Das pushte das Netz freilich weiter. Dann war übrigens auch der Siegeszug des iPhone längst passiert. Und damit auch die Videotelefonie kein „exotisches Feature“ mehr, auch wenn sie sich – abgesehen von geschäftlichen Videokonferenzen – bis heute nicht richtig durchgesetzt hat. „Wir lachen selbst noch drüber, wir waren 2003 damit einfach zu früh dran“, erinnert sich Schrefl, der zu dieser Zeit, 2011, in den Vorstand als Chief Commercial Officer (CCO) aufstieg.

An der Rolle als Innovator hielt man fest, auch wenn es das Risiko birgt, in Dinge zu investieren, die sich erst später durchsetzen. Weiteres Beispiel gefällig? 2004 startete man TV am Handy. Reaktionen wie „wer braucht das Mäusekino“ inklusive. „Heute schaut jeder am Handy Videos“, so Schrefl.

Funk-Breitband fürs Land

Nun steht man vor der nächsten Zäsur im Mobilfunk. Kritiker unterstellen der nächsten Funkgeneration – 5G – die Verbreitung des Corona-Virus, Schrefl hingegen wird damit „Breitband-Internet“ unter anderem in 700 ländliche Gemeinden Österreichs (entspricht rund 40 Prozent aller „Ländlichen“) bringen, wo in nächster Zeit nicht mit einem Glasfaserkabel zu rechnen ist.

Warum der Zug aufs Land? Dazu muss man wissen: Anders als bei 4G ist der Besitzer einer 5G-Frequenz verpflichtet, bestimmte Regionen damit zu versorgen, sprich: ein Netz dorthin zu bauen. Wer sich bei der letzten Auktion für die „Ländlichen“ entschied, wo der Ausbau naturgemäß teurer ist als in Ballungszentren, bekam einen Rabatt auf den Kaufpreis.

Und man muss wissen: Die Mitbewerber Magenta und A1 betreiben je ein kabelgebundenes Netz unter der Erde (Magenta kaufte dazu 2019 UPC), Drei hat so etwas nicht. In den ländlichen Gemeinden also wittert Drei das Geschäft mit schnellem Funk-Internet und möchte damit laut eigenen Angaben Österreichs größtes Netz bas teln. „In manchen Gemeinden wird es aber auch mit Mobilfunk schwer, einen rentablen Ausbau hinzubekommen“, relativiert Schrefl.

Teurer 5G-Ausbau

Denn die Kosten für den Netzausbau werden gigantisch sein. Eine konkrete Summe möchte Schrefl nicht nennen, aber „im vergangenen Jahr haben wir 180 Millionen Euro investiert. In den nächsten Jahren wird das sicher nicht weniger werden.“ Schätzungen zufolge soll der bis 2027 verpflichtende flächendeckende 5G-Ausbau die drei Mobilfunker rund drei Milliarden Euro kosten. Zum Vergleich: die Lizenzen kosteten 390 Millionen Euro (davon zahlte Drei 102 Millionen Euro).

Jetzt fehlt noch ein „brauchbares“ Telekommunikationsgesetz. Dieses soll heuer beschlossen werden, aber der erste Entwurf stieß in der Branche nicht nur auf Gegenliebe. Konkret fordern die Mobilfunker eine Investi tionsförderung und niedrigere Standortmieten für Sendeanlagen auf öffentlichem Grund. Teils kann man für 5G bestehende Anlagen nutzen, teils muss man neue errichten – bei Drei möglicherweise sogar bis zu 2.000.

Mutterschiff in Hongkong

Teurer Ausbau passt nicht ganz zum Motto von Drei: „Leistbarer Zugang zu Technologie für jedermann.“ Kostendämpfend wirken da die Synergien innerhalb der Unternehmensgruppe, zu der Drei gehört. Eigentümer ist die CK Hutchison Holdings, ein börsennotiertes Unternehmen mit Sitz in Hongkong. Unter der Marke „Three“ betreibt man neben Österreich auch Mobilfunker in Irland, Großbritannien, Dänemark, Macao, Schweden, Indonesien und natürlich in Hongkong (CK-Boss Canning Fok ist sogar als Geschäftsführer der Hutchison Drei Austria im Firmenbuch eingetragen).

Österreich fungiert in der Gruppe unter anderem als Entwickler der TV-Lösung, die als Whitelabel-Produkt „in der Familie“ mitgenutzt wird. Ebenso baut man gemeinsam eine IoT-Plattform sowie eine Lösung für Big-Data-Analyse.

Denn Businesskunden sind der wirtschaftlich interessanteste Part im Mobilfunkgeschäft. „Dort ist das größte Wachstum möglich“, sagt Schrefl, denkt man etwa an 5G-Campusnetze (siehe auch GEWINN-Märzausgabe „Die neuen 5G-Campusnetze“, ab Seite 78) und den künftig hohen Bedarf an Connectivity in der Industrie und E-Wirtschaft. Schrefl: „Bei den KMU sind wir schon gut vertreten, aber bei internationalen Großunternehmen haben wir noch Potenzial.“ Neu im Business-Portfolio ist etwa „SD-WAN“, eine Software-basierte Vernetzung für Firmen, die Mietleitungen ersetzt.

Gut unterwegs ist man im öffentlichen Sektor. Etwa mit „Healix“, einer ausfallsicheren Kommunikationslösung für den Gesundheitsbereich. Aktuell hängen 80 Krankenhäuser Österreichs dran und fungieren unter anderem als Hauptschlagader der elekt ronischen Gesundheitsakte Elga. Auch mischt man beim Thema E-Impfpass mit.

Kein Roaming, keine Wertkarten

Hat also Corona hierzulande für einen Digitalisierungsturbo gesorgt? Ja, aber das schlägt sich nicht sofort im Ergebnis von Drei positiv nieder. Denn ganz andere Effekte zeigten sich. 2020 schloss man mit 850 Millionen Euro Umsatz ab, fast so viel wie im Jahr davor. „Roaming ist de facto weggebrochen, ebenso haben wir kaum Wertkarten verkauft“, begründet Schrefl. Keine ausländischen Touristen also, die hierzulande roamen, keine Erntehelfer, die gerne Wertkarten nutzen. Beides ein willkommenes Zubrot aus dem Privatkundenbereich.
Der Digitalisierungsturbo bleibt noch aus. Während des ersten Lockdowns war Drei damit beschäftigt, 2.000 Unternehmen von heute auf morgen mit Gratisinternet zu versorgen. „Viele sind in der Digitalisierung noch weiter hinten, als sie gedacht haben“, gibt Schrefl zu bedenken.

Es wird also an den Marketingkünsten von Schrefl und seinem Team liegen, diese in die 5G-Ära zu heben, ihnen digitale Businesslösungen zu verkaufen. Die Hochzeit von Soft- und Hardware war in seiner Karriere schon mal ein Thema, als er bei Philips Dictation Systems das Produktmarketing inne hatte. „Technologie ist für mich das Salz in der Suppe“, so der Manager, der heuer im Februar zum CEO aufstieg und Jan Trionow ablöste.

Wenn es gerade nicht salzig sein muss, versüßt sich Rudolf Schrefl den einen oder anderen Feierabend mit Radfahrten rund um die Alte Donau in Wien, wo auch heuer einer seiner drei Söhne als Segellehrer tätig ist. Schrefl aber segelt lieber in Irland („meine Frau stammt aus Irland“) und auf Sardinien.

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