Doping für das Internet

Dynatrace aus Linz baut Software, die Fehler in IT-Systemen aufspürt und heilt. Gründer Bernd Greifeneder steuert trotz mehrerer Exits und einem Börsengang in New York als CTO die Zukunft dieses „Unicorns“ aus Linz.

(Foto: Zoe Goldstein Fotografie)

Er düst gerne mit seinem Segelboot über den Attersee. „Ab 20 Knoten wird er ganz schön schmal“, scherzt Bernd Greifeneder über sein Revier, das an der schmalsten Stelle 1,3 Kilometer breit ist. Was seine sportliche Fahrweise am Wasser noch bringt: „Man wird ständig nass und kentert.“ Wer jetzt glaubt, damit lassen sich in Greifeneders Karriere Parallelen ziehen, der irrt. Mit seinem 2005 gegründeten Start-up ist er alles andere als gekentert. Achtung Spoiler: knapp 15 Milliarden US-Dollar Marktwert heute an der New Yorker Börse. Und damit weit über jener magischen Schwelle von einer Milliarde, ab der man sich Unicorn bzw. Einhorn nennen darf.

Um als Nicht-Informatiker zu verstehen, was Dynatrace macht, reisen wir in die Gründungsgeschichte. Greifeneder hat an der JKU Linz Computer Science studiert und war in der Phase des Dotcom-Booms schockiert, „dass fast jeder Online-Shop ab zehn gleichzeitigen Usern schon zusammengebrochen ist“. Also erfand er kurzerhand ein Programm, das jede Userinteraktion – vom Klick auf der Website bis ins Herz des Servers – unter die Lupe nimmt. Dynamic Tracing (daraus leitet sich der Firmenname ab) war geboren. Hat es früher dem ITler gezeigt, wo der Hund begraben liegt, so bügelt es ihn gleich automatisch aus. Künstlicher Intelligenz sei Dank.

Keine Konzern-IT ohne Dynatrace

Auch sind es nicht mehr die kleinen Online-Shops, die Greifeneders Lösung nutzen, sondern die fetten Fische. Angefangen von der Finanzbranche mit Mastercard und der Bank of America bis zu Telekom mit AT&T und Vodafone, aber auch Handel, Nestlé, Starbucks sowie Airbus und Exxon Mobil. „Ab hundert Servern haben Kunden keinen Überblick mehr, wie welche Sys­teme zusammenhängen“, bringt es Greifeneder auf den Punkt, warum in Zeiten von Cloud-Computing kaum einer an seinem „Doping“ vorbeikommt.

Ein prominentes Beispiel ist SAP. Der deutsche IT-Riese hat auf mehr als 100.000 (!) seiner Server, auf denen man E-Commerce-Lösungen abwickelt, Dynatrace installiert. „Waren wir früher nur in der Problemdiagnose unterwegs, so unterstützen wir heute Firmen bei der digitalen Transformation“, so Greifeneder. „Wir stehen für die Automatisierung und wollen den Kunden davon wegbringen, IT- bzw. Software-Spezialisten fürs Babysitten von Rechnern zu vergeuden.“ Anders ausgedrückt: Dynatrace ist bei Großkunden innerhalb von 24 Stunden aufgesetzt und arbeitet ohne weiteres menschliches Zutun.

Zumindest beim Kunden. Denn rund 1.000 Mitarbeiter sorgen für die Weiterentwicklung des Softwareprodukts. Geleitet von CTO Greifeneder aus Linz. Strategisch geführt vom CEO John Van Siclen in Boston.

Erster Exit nach vier Jahren

Schon ein Jahr nach der Gründung ist der erste Investor bei Dynatrace eingestiegen. Der US-Venture-Capital-Fonds Bain Capital Ventures. Drei Jahre später gesellte sich Bay Partners aus Kalifornien dazu und beide hielten nach der zweiten Finanzierungsrunde mit rund 13 Millionen US-Dollar zwei Drittel am Unternehmen. Nur zwei Jahre später, 2011, schluckte der amerikanische Großrechner-Spezialist Compuware um 256 Millionen US-Dollar Dynatrace. Greifeneders Co-Gründer, seine Frau Sok-Kheng Taing und Hubert Gerstmayr, sind zu diesem Zeitpunkt ausgestiegen.

Er ist geblieben. „Es ist nie ums Geld gegangen. Sondern darum, etwas zu verwirklichen, was anderen etwas bringt“, so Greifeneders Antwort. „Wir Menschen sind evolutionär getrieben und wollen unsere Gene verbreiten. Ich tue es auf intellektuelle Art und Weise“, meint er.

Energie und Enthusiasmus hat er die nächsten Jahre bewiesen, als Dynatrace bei Compuware als eigener Bereich unter Greifeneders Kommando integriert wurde. „Eines der teuersten Dinge beim Skalieren von Software ist, Direktvertrieb aufzubauen“, erinnert er sich, der bis dahin – damals noch auf eigene Rechnung – viel Geld verbrannt hatte. Compuware war ein Konzern mit gänzlich anderer Kultur als jener von Dynatrace. Der Firmenname mutierte zur Produktbezeichnung. Trotz Culture-Clash verdoppelte sich der Umsatz von Jahr zu Jahr. Ein Internationalisierungs-Turbo, den sich ein Start-up sonst nicht leisten hätte können.

Dynatrace 2.0 unter Compuware

Doch auch innerhalb von Compuware hatte Dynatrace nach wie vor das Start-up-Mascherl. Gemeinsam mit zwei weiteren Akquisitionen von Compuware baute Greifender als virtueller CEO sein ursprüngliches Baby weiter. „Ich konnte die Vision von Dynatrace neu entwickeln. Es ist eine zweite Version von Dynatrace entstanden“, sagt er. Ein Großteil „seiner“ 150 Softwareentwickler betrieben strategische Zukunftsresarch, um Dynatrace zum Marktführer für IT-Monitoring bei Enterprise Kunden zu machen.

Österreich war dabei immer das Zentrum der Produktvision. Hier schrieb das Dynatrace-Kernteam den Programmcode weiter. 2014 dann der Schreckmoment. Der US-amerikanische Private-Equity-Investor Thoma Bravo übernimmt um 2,5 Milliarden US-Dollar Compuware und befindet Greifeneders Start-up-artiges Vehikel für eine dumme Idee. „Der Investor ist darauf spezialisiert, Firmen zu kaufen, die ein gutes Produkt haben, aber eine ineffiziente Führung“, analysiert Greifeneder. Thoma Bravo war es nicht gewohnt, wie ein typischer VC, eine gewisse Zeitspanne zwischen Investition und Output auszusitzen.

Doch der IT-Monitoring-Bereich, also Dynatrace, war der Grund für die Akquisition. Thoma Bravo, der unter anderem auch ein Tortenstück am Antivirus-Konzern McAfee hält, wollte damit auch in diesem Teich der IT fischen und nahm den „Rest“ von Compuware (Mainframe Environment) als Beiwerk dazu. Greifeneder saß also im Zentrum des Begehrens und brachte den neuen Eigentümer sogar dazu, Dynatrace wieder als Firma aufgehen zu lassen. „Über diesen Exit sind wir wieder in der ursprünglichen Agilität, trotz 1.000 Mitarbeitern, aufgegangen.“

Talent als CTO

Greifeneder durchlief übrigens alle Stationen als CTO. CEO war und ist nach wie vor der von ihm 2008 (noch als Dynatrace in Mehrheitseigentum der Gründer war) in diese Position geholte Amerikaner John Van Siclen. „Wir sind eine geniale Partnerschaft. Wir vertrauen einander blind und quer über den Teich“, sagt Greifeneder. Denn Van Siclen „sitzt“ im Dynatrace- Headquarter in Boston.

„In den ersten Jahren des Firmenbestehens,“ erinnert sich Greifeneder, „habe ich als CEO taktisch und strategisch alles quer durch den Gemüsegarten gemacht.“ Von Personaleinstellung über Produktentwicklung bis hin zum Verkauf. Viel ist dabei nach Bauchgefühl abgelaufen. „Als wir 70 Mitarbeiter hatten, ist mir bewusst geworden, dass man seine Talente verstehen muss.“ Soll heißen, die Geschäftsführung und damit auch die unmittelbare Führung der „g'standenen Verkäufer“ samt Expansion in die USA, war dann bei Van Sinclen besser aufgehoben. Greifen­eder räumt ein, damals nicht die Erfahrung gehabt zu haben, so ein Start-up in ein großes Konstrukt umzuwandeln. Randnotiz: „Meine Frau hat aber bis dahin mit ihrer Salespower die besten Verkäufer in den Schatten gestellt.“

Als Greifeneders Konstrukt unter der Regentschaft von Thoma Bravo so „richtig abgehoben ist“, folgt bald der nächste Meilenstein in der Unternehmensgeschichte: Der Gang 2019 an die Börse in New York, der rund eine halbe Milliarde US-Dollar brachte. Und das bei einem Jahresumsatz von 546 Millionen US-Dollar im Jahr 2020, gut ein Viertel mehr als im Vorjahr. „Wir können dem Kunden immer mehr anbieten, weil unser Produkt ständig weiterentwickelt wird und mehr kann“, begründet es Greifeneder, der selbst ein paar Tausend Aktien am Unternehmen hält. Etwa weil er vor Kurzem den Einstieg in den Application-Security- Markt (Sicherheit von Anwendungen) vollzog, der durch die Expertise in der Cloudtechnologie naheliegend war.

Ein durchschnittlicher Kunde zahlt jährlich 100.000 bis eine Million Euro an Dynatrace im Abo-Modell. „Wir haben noch wesentlich größere Kunden dabei, aber kaum kleinere“, veranschaulicht Greifeneder den Enterprise-Fokus. Von den 2.500 Kunden rund um den Globus befinden sich 40 Prozent in den USA, 30 in Europa und der „Rest“ in Asien und Südamerika. Wegen der „Great Firewall“ ist China im Kundenportfolio wenig vertreten.

Anders sieht es in der westlichen Welt aus. Mit den Cloud-Oligopolen Amazon (AWS), Microsoft (Azure) und Google lebt man in Symbiose. Haben sie ja das Ziel, Unternehmen dazu zu bringen, IT-Systeme von Unternehmen in deren Clouds zu bekommen. Und da diese Migration mit einem Schlag eine kräftige Portion Komplexität (und damit Fehleranfälligkeit) bringt, passt Dynatrace Monitoringlösung mit Selbstheilungseffekt perfekt dazu.

Nicht mehr ganz passend sind Greifeneders Programmierkünste, wie er sagt: „Mein Team erlaubt es mir nicht mehr“, scherzt er. Daher codet er daheim mit den Kindern, etwa kleine Mikrocontroller. „Da merke ich schon, dass es mir noch echt Spaß macht.“

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