Ein Leben für Karton

Peter Oswald ist seit einem Jahr CEO von Mayr-Melnhof. Dem traditionsreichen Familienunternehmen mit Börsennotierung verpasst der ehemalige Mondi-Chef eine Wachstumskur mit Zukäufen.

(Foto: ERNST KAINERSTORFER)

Angkor Wat in Kambod­scha und Borobudur in Indonesien – beide Tempelanlagen in Südostasien haben es Peter Oswald angetan. „Ich mache gerne Kulturreisen“, so der 58-jährige CEO der Mayr-Melnhof AG. Nachsatz: „Ein paar Tage Strand müssen aber schon auch dabei sein.“ Dass beruflich derzeit kaum gereist wird, stört ihn weniger. Denn „wenn man zu viel unterwegs ist, verbraucht man sich zu schnell“. Wobei der Manager bisher, also Prä-Corona, drei Tage pro Woche für Reisen verbucht hat. Das war auch notwendig, denn von 2017 bis 2020 war Oswald CEO der international tätigen Mondi Group mit Hauptsitz in Wien sowie London.

Karton lebenslänglich

Mit Mondi ist der studierte Betriebswirt und Jurist schon Anfang der 1990er-Jahre in Berührung gekommen. Begonnen hat es im Controlling beim Kärntner Papier- und Zellstoffproduzenten Frantschach, der Anfang der 2000er-Jahre an Mondi wanderte. Es folgten Stationen unter anderem als Geschäftsführer der Packaging-Sparte.

Kurzum: Ein Leben für die Papierindustrie, inklusive Sonnen- und Schattenseiten. „Früher, vor 30 Jahren, war diese Branche die böse Indust­rie“, erinnert sich Oswald. Papier-, Karton und Zellstoffwerke galten als Umweltsünder. Mit mehr Sinn für Umweltschutz wandelte sich diese Industrie zum Guten samt Investitionen in CO2-Reduktion, Wasserverbrauch und Ökologisierung. „Heute schätzen Konsumenten Kartonverpackungen als etwas Positives, denn sie sind erneuerbare Produkte. Ich muss dazu nichts ausgraben, was Millionen Jahre unter der Erde geruht hat und dann für alle Zeiten verloren ist“, so Oswald und kann sich einen Seitenhieb auf Kunststoff nicht verkneifen.

Am 1. April 2020 löste er bei Mayr-Melnhof Wilhelm Hörmanseder nach dessen 18 Jahren an der Konzernspitze ab. Die genauen Gründe für Oswalds Wechsel zu Mayr-Melnhof will er nicht nennen. Aber so viel: „Hier gibt es Werte, Tradition und ein langfristiges Denken.“ Auf den Aktienkurs schaut er nun nach einem Jahr im Amt nicht mehr täglich. „Mayr-Melnhof ist zwar börsennotiert, aber im Kern ein Familienunternehmen“, so der CEO über das Syndikat der Familien Mayr-Melnhof und Goess-Saurau, das mit 57 Prozent Mehrheitseigentümer ist. Der „Rest“ ist im Streubesitz an der Wiener Börse.

Fasern aus Finnland und Polen

Das Beste aus zwei Welten also. Den Aufsichtsrat – an dessen Spitze übrigens kein Familienmitglied steht – beschreibt Oswald als „unternehmerisch denkend“. „Meine Aufgabe ist klar definiert: Wachstum“, so der CEO weiter. Denn viel Tradition bedeutet mitunter auch, dass man ein bisserl von der Vergangenheit lebt. Die aber ist allemal eine solide Basis. Mayr-Melnhof ist Marktführer im Bereich Karton- sowie Faltschachtelproduktion. Keine schle­chte Ausgangsposition für Oswalds Wachstumskur. Und die hat es in sich.

Nach einem Jahr als CEO hat er die zwei größten Akquisitionen sowie das größte Investitionsprogramm in der jüngsten Unternehmensgeschichte auf den Weg gebracht. Doch alles der Reihe nach.

Gekauft hat er um 425 Millionen Euro die finnische „Kotkamills“ sowie um 670 Millionen Euro die polnische „Kwidzyn“. An beiden Standorten befinden sich Maschinen für die Produktion von Frischfaserkarton, dem „Gegenteil“ von Recycling-Karton. Klingt punkto Öko rückschrittlich, ist es aber alles andere in der Praxis. „Der Ersatz von Kunststoffverpackung durch Karton ist unser Ziel“, veranschaulicht Oswald seine Strategie.

Angriff aufs Plastik

Im Visier hat er alles, was in „Plastik“ verpackt ist, aber auch gut mit Karton auskommen würde. Beispiel: Cornflakesschachteln mit Kunststoffsack innen, Trinkbecher mit Polyethylen-Beschichtung. Solchen Verpackungen mit hohen Anforderungen – etwa, dass kein Kaffee oder Fett durchkommt – kann man nur mit Hightech-Karton entgegentreten.

Und das geht nicht mit den bisher vorhandenen auf Altpapierkarton spezialisierten Standorten bei Mayr-Melnhof, sondern mit den Frischfasermaschinen in Finnland und Polen. „Sie erzeugen Karton mit einem plas­tikfreien Barrierestrich“, erklärt Oswald die Details. „Strich“ in der Kartonproduktion bedeutet eine ein- oder beidseitige Oberflächenveredelung. Und somit lassen sich in den Frischfasermaschinen latexähnliche Materialien hinzufügen, die gegen Flüssigkeiten & Co. eine Barriere bilden.

Man hat nicht nur Maschinen und Know-how zugekauft, sondern auch einen neuen Absatzmarkt. „Wir treten damit an ganz neue Kunden heran, mit denen wir bisher noch nie zu tun hatten, weil sie keinen Karton verwenden“, so Oswald. Etwa Obstgroßhändler.

Mit der europaweit im Bereich Frischfaserkarton führenden „Kotkamills“ ist Mayr-Melnhof jetzt auf Augenhöhe mit den Mitbewerbern. Den Rückenwind durch den Trend zu nachhaltiger Verpackung, Verbot von Einwegplastik und „Plastiksteuer“ gilt es nun aufzunehmen.

Volles Programm Recycling

Auf der anderen Seite bedeutet das aber nicht, bei Karton aus Altpapier den Fuß vom Gas bzw. von der Marktführerschaft zu nehmen. Ganz im Gegenteil, denn Oswald hat 100 Millionen Euro für die Kartonfabrik im steirischen Frohnleiten budgetiert. Das Geld fließt heuer sowie nächstes Jahr in Digitalisierung und Effizienz, gerade was Wasser- und Energieverbrauch betrifft. Und natürlich in Produktoptimierung.

„Ein Ziel ist, dass wir in Frohnleiten auch Karton aus 100 Prozent Recyclingmaterial produzieren können“, betont Oswald. Zum Vergleich: Derzeit liegt der Anteil bei 75 Prozent. Den Rest machen Frischfasern aus, damit der Karton genügend Steifigkeit hat.

Trotz technologischen Kunststü­ckerln wird daher auch der 100-Prozent-Karton nicht für alle Einsätze
geeignet sein. Das Altpapier dafür kommt gepresst auf Paletten daher und wird „in house“ aufbereitet, rund zehn Prozent „Abfall“ entstehen.

Steigende Altpapierpreise

Nicht zu unterschätzen, denn Altpapier ist die vergangenen Monate im Preis stark gestiegen. Ein Grund dafür ist die zehnmal so große Wellpappeindustrie, die durch mehr E-Commerce einen Aufschwung erlebt. Sie „frisst“ Altpapier vom Markt. Zugleich fehlen grafische Papiere im Altpapierkuchen (etwa wegen weniger Papier durch Home-Office). Da Oswald mit Kunden in der Regel Halbjahresverträge abschließt, können kurzfristige Steigerungen nicht weitergegeben werden.

Prominente Kunden sind Nestlé, Mondelez, Unilever, Henkel, Procter & Gamble. Eine Runde im Supermarkt offenbart also das Portfolio: Müsli, Tiefkühlware, Hygieneprodukte, Beauty. Auch beim „Schachtelwirt“ setzt man auf Karton aus dem Hause „MM“. Genauso wie bei Pharma und künftig auch beim Frischgemüse, Stichwort „Karton mit Barrierestrich“.

Ebenso ist das Thema Wellpappe kein Tabu für Oswald, nur weil es bisher in der 71-jährigen Unternehmensgeschichte nicht produziert wurde. Ganz im Gegenteil: Kwidzyn, der Neuzugang in Polen, bringt Maschinen in den Konzern, mit denen sich auch Wellpappe machen lässt.

Wachsender Hunger auf Karton

Die von Oswald eingeleitete Wachstumsphase bringt auch in den 44 Faltschachtel-Produktionsstandorten rund um den Globus – von Chile bis ­Vietnam – frischen Wind. Neue Druck- und Stanzmaschinen, Ausbau in Polen, Rumänien, Hirschwang (Österreich), Spanien, Werksumzug in Großbritannien, um nur einige zu nennen. „Wir haben starken Europa-Fokus, wollen aber auch stärker in Übersee aktiv sein“, schildert Oswald.

Denn langfristig wird der Ersatz von Kunststoff auch in Schwellenländern ein Thema sein. Aktuell wächst die Nachfrage nach Karton jährlich um zwei Prozent, bald könnten es aber drei sein. In Asien entstehen große Produktionskapazitäten. „Nicht überall macht Zukaufen Sinn. Man muss schauen, wo man Wettbewerbsvorteile hat“, so Oswald weiter.

Manager lässt Freiheiten

Die eignen Reihen, sprich: die Geschäftsführer der zwei Divisionen in Form von Tochterunternehmen („Karton“ und „Packaging“, siehe Kasten) genießen mit Oswald an der Konzernspitze mehr Handlungsspielraum, wie er sagt. „Mein Führungsstil baut auf Vertrauen auf und ich lasse Manager Entscheidungen selbst treffen“, beschreibt er.

Dazu hat er klare Guidelines eingeführt, wer bis in welche Sphären entscheiden darf. „Ich habe gerne den Überblick, gehe aber auch wo notwendig in die Tiefe“, betont er. Das gibt den Führungskräften Freiraum und ist gleichzeitig Nährboden für Initiativen, die es bei zu starker Einmischung durch den CEO nicht gäbe.

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