Investitionen in Nasenspray & Co.

Über 2,6 Milliarden Euro investierte die Pharma-Branche in den letzten Jahren in den Standort Österreich. GEWINN hat sich zwei Projekte – Sigmapharm im Burgenland und Novartis in Tirol – vor Ort angesehen.

Rund 2,6 Milliarden Euro investierte die Pharmaindustrie in Österreich. (Foto: Sandoz)

Autobahnabfahrt Hornstein. Kein Ausflug an den nahegelegenen Neufelder See, sondern wir folgen der Straße zwischen den Feldern Burgenlands. Hier hat das österreichische Pharma-Unternehmen Sigmapharm (und die im Jahr 2000 ausgegliederte Produktionsfirma namens MoNo) 2016 mit dem Bau einer neuen Produktionsstätte begonnen. Knapp drei Jahre später ist das Werk vollbracht. In den weißen Hallen wird die aseptische Herstellung steriler flüssiger Produkte als Nasenspray, Rachenspray und Augen­tropfen erfolgen. Aseptisch bedeutet, die Produkte können ohne nachträgliche Sterilisierung abgefüllt werden. Sozusagen die Königsklasse.
Sigmapharm expandierte nach Hornstein, nicht nur weil das Werk in Wien zu klein geworden ist, sondern auch weil man für das im Februar 2019 an die Börse gegangene Biotech-Unternehmen Marinomed produziert (Stichwort: Coldamaris Nasenspray). Darüber hinaus brauen Sigma­pharm (13 Millionen Euro Umsatz) und MoNo (zehn Millionen Euro Umsatz) Medikamente unter anderem für die Marken Sandoz, Ratiopharm und Mundipharma.

Langes Mitarbeiter-Training

Drinnen warten schon die Geräte auf den Echtbetrieb. So etwa ein „automatisiertes Ansatzsystem“ für Mengen zwischen 30 und 1.000 Litern. In Verpackungseinheiten bedeutet das: zwölf Millionen Fläschchen pro Jahr. Heuer zu Jahresende geht das Werk – nach einer knapp einjährigen Qualifizierungsphase – in Betrieb.
Doch schon im vergangenen Jahr wurde die 15-köpfige Belegschaft eingestellt, denn sie muss die Produktionsbedingungen in der höchstmöglichen Reinraumstufe lernen. Dazu gehört es auch, in den Schutzanzug zu schlüpfen, ohne die Außenhaut zu berühren. Zusätzlich sorgen Druckunterschiede zwischen den verschiedenen Reinraumstufen dafür, dass Partikel nach außen gedrückt werden.
Sigmapharm und MoNo lassen sich den Zubau in Hornstein 20 Millionen Euro kosten. Die gesamte Fläche beträgt 30.000 Quadratmeter, also noch  „Luft“ für weitere Anlagen zur Nasensprayabfüllung.

„Biotech Valley“ in Tirol

Schauplatzwechsel. Vom Burgenland nach Tirol. Unter dem Motto „Made in Austria“ präsentiert Novartis im Rahmen  einer Campus Tour samt Virtual Reality Experience in Schaftenau in Tirol, wie Originator-Biologika und Biosimilars produziert werden. Beides sind biopharmazeutische Substanzen, die als zukunftsweisend gelten und aus lebenden Zellen hergestellt werden.
Brodelnde Tanks oder Zentrifugen gibt es dort nicht zu sehen, stattdessen klinisch saubere Hallen und hermetisch abgeriegelte Fermenter, die wie überdimensionale Druckkochtöpfe aussehen. Umso beeindruckender sind die Zahlen.

Novartis Österreich ist eines der führenden Pharma-unternehmen des Landes und zählt weltweit mit Pfizer und Roche zu den Top drei. Mit mehr als 4.000 Mitarbeitern trägt Novartis hierzulande 743 Millionen Euro zur Wertschöpfung bei. Die Gesamtwertschöpfung inklusive indirekter Effekte beträgt 1,4 Milliarden Euro oder 0,41 Prozent des österreichischen BIP.

Allein an den beiden Tiroler Novartis-Standorten Kundl und Schaftenau wurden in den letzten acht Jahren 900 Millionen Euro investiert und pro Jahr 200 neue Arbeitsplätze geschaffen. Und in diesem Tempo soll es weitergehen. Denn, so Michael Kocher, Country President Novartis Österreich: „Ziel ist, dass hier das Biotech Valley entsteht.“ Gemeint ist das Inntal mit den nur zehn Kilometer auseinander liegenden Kundl und Schaftenau (zwei weitere Niederlassungen hat Novartis in Unterach am Attersee, dem Novartis-Kompetenzzentrum für onkologische Injektabilia, sowie in Wien). Und ein biss­chen stimmt das schon heute.

Kompetenzzentrum für Zellkultur in Tirol

So werden in Schaftenau für den globalen Markt Biologika zur Behandlung von Psoriasis (Schuppenflechte), Morbus Bechterew (einer rheumatischen Erkrankung) sowie Biosimilars zur Behandlung unter anderem von Blutkrebs und rheumatischen Erkrankungen hergestellt. Außerdem ist Schaftenau das konzernweite Kompetenzzentrum für Zellkulturtechnologie. Der Entwicklungs- und Produktionsstandort Kundl ist für die weltweite Antibiotika-Herstellung von großer Bedeutung. Nicht weniger als zwei Drittel der Weltproduktion von Penicillin V werden hier produziert.

Weitere Investitionen an den Standorten sind bereits in Planung, um vor allem den weltweit steigenden Bedarf an Biopharmazeutika zu decken und die Führungsrolle des Unternehmens weiter auszubauen. Die Neuinvestitionen werden bis 2021 rund 200 Arbeitsplätze schaffen. Weitere Pläne beinhalten einen zusätzlichen Personalausbau. Dazu Kocher: „Individualisierung der Medizin stellt uns vor neue Herausforderungen. Veränderungen im Business bedeuten, dass wir unsere Fähigkeiten und Ressourcen entsprechend ausrichten müssen.“ Nur zu gut, dass das in Tirol passiert.

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