Milliarden für die Infrastruktur

Wo die öffentliche Hand und Infrastrukturunternehmen in den nächsten Jahren das meiste Geld investieren.

 

(Foto: ÖBB)

Keine Reisen, Ausgangssperren, leere Verkehrsmittel, geschlossene Lokale und abgesagte Veranstaltungen – wenn im letzten Jahr Pläne von neuen Busterminals, Massenverkehrsmitteln oder Eventarenen präsentiert wurden, wirkte das fast wie aus einer anderen Zeit.

Doch die Pandemie hat die langfristigen Planungen und Bauarbeiten der meisten Projekte kaum verändert. Zwar liegt der Bau der dritten Pis te am Flughafen Schwechat derzeit auf Eis, doch schon vor Corona war erst in den 2030er-Jahren mit einer Inbetriebnahme gerechnet worden. Ob die Pläne für immer in der Schublade verschwinden, wie von Klimaministerin Leonore Gewessler erwartet, wird davon abhängen, ob der Luftverkehr wieder an die früheren Passagierzahlen herankommt.

Keine Zweifel gibt es hingegen am Bedarf für einen neuen zentralen Fernbusterminal in Wien. 2019 im Jahr vor der Pandemie kamen in der Stadt 200.000 Busse mit fünf Millionen Passagieren an drei nicht mehr zeitgemäßen und wenig einladenden Standorten an. Bis sich der Reiseverkehr wieder normalisiert hat, könnte bereits der moderne Terminal neben dem Happel-Stadion fertig sein, in den die Stadt 200 Millionen Euro investieren will. Er wäre damit neben dem Flughafen und dem Hauptbahnhof die dritte große Drehscheibe für den Personenfernverkehr. Nach derzeitigem Stand startet der Bau frühes tens Ende 2022, die Inbetriebnahme könnte 2025 erfolgen.

Bevor die ersten Baumaschinen auffahren, hat der Standort schon einige wichtige Voraussetzungen erfüllt: Die Busse haben über den Handelskai nur wenige Meter bis zur Autobahn und die Gäste können bequem mit der U2 in das Stadtzentrum reisen. Bis zur Eröffnung gibt es dennoch viel zu tun, schließlich soll hier kein besserer Busparkplatz, sondern eine Visitenkarte für die Stadt errichtet werden, die eher einem Flughafen gleicht. Der neue Fernbus-Terminal wird auf zwei Geschoßen angeordnet sein, einem Erdgeschoß mit Abfertigungszone und einem Untergeschoß wo die An- und Abfahrt von Hunderten Bussen pro Tag erfolgt.

Über den beiden Geschoßen soll eine begehbare Dachlandschaft aus abwechselnd verglasten und begrünten Feldern entstehen. Ein 90 Meter hohes Hochhaus inklusive Bar auf dem Dach gehört ebenfalls zum Projekt.

Eventarena für 20.000 Besucher

Zu einem überregionalen Gästemotor – auch für den neuen Fernbusterminal – könnte die neue Wiener Eventarena werden, die mit Abstand größte in ganz Österreich. Auch hier wurden die Planungen trotz Veranstaltungsflaute in der Pandemie mit Hochdruck fortgesetzt. Der Nachfolger der in die Jahre gekommenen Stadthalle wird voraussichtlich bis 2026 im Stadtteil St. Marx entstehen. Auf dem ehemaligen Schlachthofgelände wird für 250 Millionen Euro eine Halle für 20.000 Besucher entstehen, die sich mit den modernen Arenen in anderen Metropolen messen kann. Von Konzerten bis zu großen Sportveranstaltungen soll hier jede Art von Event möglich sein.

Schnellere Bahn dank Mega-Tunnels

Die größte Infrastrukturinvestition Wiens in diesem Jahrzehnt bleibt freilich der Ausbau der U-Bahn samt völlig neuer und fahrerloser U-Bahnlinie 5. Mehr über das Zwei-Milliarden-Projekt lesen Sie ab Seite 106.
Die heimischen Infrastrukturinves titionen beschränken sich allerdings nicht nur auf die Bundeshauptstadt. Besonders deutlich wird das beim Rekord-Investitionsplan der ÖBB. Bis 2026 werden über 25 Milliarden Euro investiert. Ein großer Teil davon – 20,6 Milliarden Euro – geht in den Ausbau der Bahninf rastruktur und die Stromversorgung mit erneuerbaren Energien. So bauen die ÖBB, die insgesamt zehn Wasserkraftwerke selbst betreiben, derzeit eigene Speicherkraftwerke in Vorarlberg und Salzburg aus und steigern die Eigenstromproduktion. „Durch die Versorgung mit hundert Prozent grünem Bahnstrom aus erneuerbarer Energie sind wir einer der umweltfreundlichsten Eisenbahnbetreiber in Europa“, betont ÖBB-Chef Andreas Matthä.

Von den Investitionen in die Bahninfrastruktur profitieren alle Bundesländer, da die wichtigen Schienenwege in den nächsten Jahren von Vorarlberg bis in das Burgenland verstärkt werden. Eines der wichtigsten Megaprojekte der Bahn, das in diesen Zeitraum fällt, ist der 33 Kilometer lange Koralmtunnel, der bei seiner Fertigstellung der längste Eisenbahntunnel des Landes sein wird. Seit 2008 wird unter der Koralm im steirisch-kärntnerischen Grenzgebiet gebaut, 2025 soll er fertig sein. Der Koralmtunnel wird das Herzstück der Koralmbahn. Die 130 Kilometer lange Strecke wird komplett neu gebaut und verbindet Graz mit Klagenfurt in nur 45 Minuten. Die Koralmbahn ist wiederum Teil der neuen Südstrecke. Was auf der Weststrecke bereits gelungen ist – schnellere Fahrtzeiten, die Autofahrer auf die Bahn umsteigen lassen –, soll sich noch in diesem Jahrzehnt zwischen Wien, Graz und Klagenfurt wiederholen. Zweites Herzstück der neuen Südstrecke ist der Semmering-Basistunnel. Die Fertigstellung des 27 Kilometer langen Tunnels ist für 2028 geplant. Von Wien nach Graz wird man dann weniger als zwei Stunden brauchen.

Noch einige Jahre länger als ursprünglich geplant wird es bis zur Fertigstellung des längsten Bahntunnels dauern. 2032 statt wie ursprünglich geplant 2028 sollen die Züge mit 250 Stundenkilometern unter dem Brenner durchrauschen, Güterzüge werden den am stärksten befahrenen Alpenpass Europas mit 120 km/h unterqueren. Der Brenner Basistunnel wird inklusive der Zulauftunnel 64 Kilometer lang. Länger ist kein anderer Eisenbahntunnel der Welt. Dafür sind von Österreich und Italien 8,4 Milliarden Euro veranschlagt.

Bessere Verbindungen für Pendler auf Schiene und Straße

Die großen Tunnelprojekte werden deutliche Verbesserungen für Fernreisende bringen, doch auch für Pendler wird kräftig investiert. Einerseits will die türkis-grüne Regierung mit dem 1-2-3-Ticket mehr Menschen für den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel motivieren, andererseits sollen diese attraktive Verbindungen vorfinden. Bestes Beispiel ist die Marchegger Ostbahn, die Wien mit Bratislava verbindet. Wegen der vielen Pendler hat die eingleisige, von Dieselloks befahrene Strecke ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. Statt bis 2030 wird die längste gerade Schienenstrecke des Landes schon bis 2025 zweigleisig und elektrifiziert. Dann können die Züge dort mit 200 km/h fahren und brauchen nur noch 40 Minuten nach Bratislava.

Trotz aller Verbesserung im öffentlichen Verkehr wird es auch in Zukunft nicht ohne ein leistungsfähiges Straßennetz gehen. Die Asfinag investiert derzeit mehr in die Verbesserung bestehender Strecken als in den Neubau. 2021 fließen 630 Millionen Euro in die Erhaltung und 480 Millionen Euro in Neubau und Erweiterungen. Eines der Großprojekte istdie Sanierung der meistbefahrenen Straße des Landes. Die teilweise über 40 Jahre alte Tangente in Wien wird auf den modernsten Stand der Technik gebracht. Die Arbeiten laufen schon seit 2007. Ende 2022 soll dann auch die Erneuerung der auf Stelzen verlaufenden Hochstraße St. Marx abgeschlossen sein. Allein dieser Abschnitt kostet 129 Millionen Euro. Auch in Linz wird die von Pendlern stark frequentierte Mühlkreisautobahn weiter zukunftsfit gemacht. Schon im Vorjahr wurden links und rechts neben der bestehenden Voest-Brücke zwei zusätzliche Brücken – sogenannte Bypässe – für den Verkehr freigegeben. 2022 soll die Sanierung der bestehenden Voest-Brücke starten.

Neue Stromautobahnen

Bei Autobahnen denkt man zuerst an den motorisierten Verkehr. Doch auch der Strom benötigt neue Hochleistungsstrecken. Schließlich verlagert sich die Stromproduktion hin zu immer größeren Wind- und Solarkraftwerken, die die Energie allerdings nicht so gleichmäßig erzeugen wie die kalorischen Kraftwerke.

„Wenn bis 2030 der gesamte Strombedarf aus erneuerbaren Energien gedeckt werden soll, erfordert das einen beschleunigten Ausbau der Strominfrastruktur. Schaffen wir das nicht, steht die Energiewende am Spiel, weil der erneuerbare Strom dann nicht in Österreich verteilt werden kann“, sagt Gerhard Christiner, technischer Vorstand von APG, dem Betreiber des überregionalen Hochspannungsnetzes. Bis 2030 will APG daher 3,1 Milliarden Euro in das Stromnetz inves tieren.

Mit 890 Millionen Euro ist der lange verzögerte Neubau der Salzburg-Leitung das wichtigste Projekt. Sie verbindet bis 2025 die Pumpspeicherkraftwerke in den Alpen mit den großen Windkraftwerken im Osten Österreichs. So kann überschüssiger Wind- und in Zukunft auch Sonnenstrom gespeichert werden und Strom aus den Speicherseen einspringen, wenn gerade kein Wind geht oder die Sonne nicht scheint. Dass die Überschüsse aus erneuerbaren Energien zunehmen werden, daran besteht kein Zweifel. Laut APG ist in Österreich bis 2030 ein Ökostrom-Ausbau von 27 Terawattstunden (TWh) vorgesehen. Davon sollen allein elf TWh auf Photovoltaik und zehn TWh auf Windkraft entfallen.

Kasernen werden autark.

In eine Energiewende der anderen Art investiert auch das Bundesheer. Das Verteidigungsministerium plant, nicht zuletzt als Reaktion auf die Corona-Krise und mögliche Blackouts im Stromnetz, seine Infrastruktur unabhängiger von ziviler Versorgung zu machen. Bis 2024 sollen zwölf Kasernen im ganzen Bundesgebiet zu autarken Sicherheitsinseln werden. Die Garnisonen sollen sich völlig abgeschnitten von der Außenwelt zwei Wochen lang selbst versorgen können und in Krisenzeiten auch den Blaulichtorganisationen eine sichere Basis bieten.

Einer der ersten Standorte, der zur Autarkie aufgerüstet wird, ist der Fliegerhorst Brumowski in Langenlebarn bei Tulln. 18 Millionen Euro fließen in die Generalsanierung des Bahnanschlusses, den Neubau eines Biomasse-Blockheizkraftwerkes sowie den Ausbau der Verpflegungs- und Sanitätsversorgung.

In Niederösterreich investiert nicht nur das Verteidigungsressort groß in die Sicherheit, sondern auch das Innenministerium. Knapp 22 Millionen Euro kos tet die neue Zentrale der Flugpolizei in Wr. Neustadt. Das bereits 2017 präsentierte und zwischenzeitlich gestoppte Projekt wird nun umgesetzt. 2023 sollen dort die ersten Hubschrauber starten und den alten Standort im dicht verbauten Gebiet in Wien-Meidling ersetzen.
Die Einsatzstelle samt Hangar für sieben Hubschrauber, Wartungsbetrieb und Flugschule entsteht direkt neben dem Hauptquartier der Sondereinheit Cobra. Damit können die Einsatzkräfte schnell auf Bedrohungen im ganzen Land reagieren. Wie wichtig das ist, hat der Terroranschlag in Wien im Vorjahr gezeigt.

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