Paradigmenwechsel in der Mobilfunkbranche

Von der Breitbandmilliarde, der Einführung der eSIM bis hin zur in ein paar Jahren kommenden neuen fünften Mobilfunkgeneration – der Ausbau der Breitbandnetze ist der Motor der Digitalisierung.

Die eSIM ist gelandet. Sie ist fix im Gerät verbaut und hat das Potenzial zum Game Changer (Foto: T-Mobile)

„Der LTE-Router ist das mobile Produkt, das Österreich digitalisiert. Wir sind damit in die weitere Substitution des Festnetzes gegangen“, erklärt Andreas Bierwirth, Chef von T-Mobile Austria. Jan Trionow, Geschäftsführer von 3, stimmt dem zu: „Wir haben das größte LTE-Netz Österreichs und bringen Breitband­internet erstmals auch in den ländlichen Raum. Der LTE-Router ist zu einer wichtigen Säule unseres Geschäfts geworden.“ Und Bierwirth ergänzt: „Wir sind kein Mobilfunkunternehmen mehr. Wir sind Breitbandanbieter.“

Wie schnell die Netze mittlerweile geworden sind, zeigt ein Test der Re­gulierungsbehörde RTR im Zeitraum des ersten Quartals 2016. Während das alte Festnetz zwischen 5,7 und 7,5 Megabit pro Sekunde (mbit/s) „schnell“ ist, liegt die durchschnittliche Geschwindigkeit bei Kabel-Internet-Betreibern zwischen 16 und 18 mbit/s. Im Bereich von 4G/LTE hingegen liegen die Datenübertragungsraten zwischen 27 und 47 mbit/s. LTE ist somit viermal schneller als das normale Netz. Trionow: „Österreich ist wieder zurück an der Spitze und international weiterhin ein Mus­terland.“ Zum Vergleich: Für das stö­rungsfreie Streamen in HD werden zwischen sechs und acht mbit/s gebraucht.

Breitbandmilliarde

Aber halt, gab es da nicht so etwas wie die Ankündigung einer Breitbandmilliarde in Österreich? Sie soll dazu verwendet werden, das Breitbandinternet auch in ländliche Gebiete zu bringen. Bierwirth: „Die erste Tranche der Breitbandmilliarde waren leere Rohre, ein Bauprogramm, davon wird niemand digital. Wir haben jetzt schon einen über 90-prozentigen LTE-Ausbau in Österreich bei allen Netzbetreibern, und das, ohne einen Cent aus der Breitbandmil­liarde bekommen zu haben. Es ist so, wie ich es vor zwei Jahren gesagt habe. Das Geld wird nicht im Mobilfunkbreitband ankommen, sondern bei Energieunternehmen, Gemeinden sowie einem unterausgebauten Festnetz landen.“ Auch Trionow ist nicht zufrieden: „De facto haben wir das schnellste Internet auch im ländlichen Raum gebaut. Der Markt ist schneller als die Förderungen, es ist noch kein Geld im Rahmen der Breitbandmilliarde geflossen.“

Wie viele Glasfaserpunkte hat A1 eigentlich bereits verfügbar? Marcus Grausam, Technikvorstand von A1: „Derzeit haben wir bereits 25.000 Glasfaserpunkte in Österreich. In den kommenden drei Jahren werden wir eine halbe Milliarde Euro investieren.“ Was nicht nur für die Haushalte und Unternehmen wichtig ist, sondern vor allem auch für die Mobilfunker, schließlich benötigen ihre Funkanlagen auch eine entsprechend starke Anbindung, um die Daten schnell weiter zu transportieren.

Datenverkehr wächst exponentiell

Und der Datentransfer wächst unaufhaltsam. Bierwirth über den Anstieg der Daten im T-Netz 2015 im Vergleich zu 2014: „76 Prozent höhere Produktion, stellen Sie sich das einmal in einer anderen Branche vor!“ Laut Trionow verdoppelt sich das Datenvolumen jedes Jahr.

5G und das Internet der Dinge

Aber „nach dem Netzaufbau ist vor dem Netzaufbau“, so Trionow. Die nächste, fünfte Generation (5G) steht bald (2019) vor der Tür. Sie wird besonders wichtig sein für den Siegeszug des Internet der Dinge (IoT, Internet of Things). 

Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen der derzeitigen vierten und der folgenden fünften Generation wird darin liegen, dass sie einen Boom in der Kommunikation zwischen Maschine mit Maschine (M2M) ermöglicht (bei Übertragungsraten von über einem Gigabit pro Sekunde). Damit werden völlig neue – und in dieser GEWINN-ext­ra-Ausgabe dargestellte – Technologien, Anwendungen und Geschäftsfelder erst möglich werden. Das autonome Fahren von Autos, virtuelle Realität mit minimaler Latenzzeit, Telemedizin, persönliche Roboterassistenzsysteme und vieles andere mehr. 

Latenz – darunter versteht man innerhalb welcher Zeit eine Web-Seite aufgeht. Es ist also die Reaktionszeit in einem Kommunikationsnetz. Grausam: „Akus­tisch sind Latenzen von 100 Millisekunden akzeptabel, und optisch zehn Millisekunden. Das reicht aber nicht für den Informationsaustausch von bewegten Objekten, etwa einem autonom fahrenden Auto oder einer Telemedizinanwendung. Stellen Sie sich vor, die Latenzzeit ist zu hoch und das Messer schneidet länger rein, als es der Operateur haben möchte, das will niemand.“ Grausam bezeichnet Latenzzeiten von höchstens einer Millisekunde, also Echtzeit, für solche Anwendungen als notwendig.

Partnerschaften zum 5G-Netzausbau

A1 wird mit Technologiepartner Nokia intensiv zusammenarbeiten für die Einführung von 5G ab 2020. Auch andere Mobilfunker vereinbaren Partnerschaften für Testbetriebe. ZTE und Hutchison Drei Austria etwa haben bereits die Absichtserklärung zur Errichtung des ersten Pre5G-Versuchsstandortes in Europa verkündet.

Bei solch niedrigen Latenzzeiten und einem gleichzeitig 10.000-mal höheren Datenverkehr, als es heute bereits der Fall sein wird, wird deutlich, warum die Investition und der weitere Ausbau der Glasfaserkabelpunkte so wichtig sein wird, vor allem auch im Sinne des heimischen Standortes. Bierwirth: „Die Anbindung über mobiles Breitband in Kombination mit Glasfaseranbindung von Unternehmen wie Industriekunden muss im Interesse der öffentlichen Hand sein. Es muss dafür Förderungen etwa für Gewerbebetriebe geben, sonst ziehen Unternehmen vom Land weg. Digitalität ist ein absolutes Standortthema geworden.“

Die eSIM

Während 5G die ersten Schatten auf die Industrie wirft, steht ein Paradigmenwechsel  unmittelbar bevor. Die eSIM ist in Europa angekommen.

Anders als die klassische SIM-Karte ist eine eSIM fest in den Chipsatz des Tab­let, Smartphone oder Wearable eingebaut, wodurch immer mehr Geräte auch kleinster Bauart internetfähig gemacht werden. Durch die eSIM lassen sich zudem mehrere Profile bei ein und demselben Telekommunikationsanbieter nutzen und so unterschiedliche Geräte miteinander vernetzen.

Laut der Studie „SIM-los in die Zukunft“ (Iskander Business Partners) wird die Kundenhoheit damit viel stärker als bisher beim Gerätehersteller liegen, und nicht länger beim Netzbetreiber – siehe  Seite 50. Vodafone und Telefonica haben auf dem heurigen Mobile World Congress bekannt gegeben, dass sie 2016 erste Wearables mit einer eSIM anbieten werden. Vodafone hat dieser Ankündigung bereits Taten folgen lassen und bietet seit März in Deutschland die Smartwatch Samsung Gears S2 classic 3G an. T-Mobile und Telefonica (O2) wollen folgen. Und auch sonst wird mit zusätzlichem Wettbewerb gerechnet, wird die neue Technologie schließlich auch von Microsoft und Apple vorangetrieben. Letztere hat in Deutschland im großen und im kleinen iPad Pro die Apple-SIM vom Werk aus verbaut (der normale Nano-SIM-Kartensteckplatz ist ebenfalls mit an Bord).

Bei Inbetriebnahme der Smartwatch, erklärt Vodafone, erfolgt die Aktivierung einer Telefonnummer per Download über das Mobilfunknetz. Die User können zudem einen Code eingeben, der ein bestimmtes Profil entsperrt bzw. wieder löscht, wenn man sein Gerät weiterverkauft oder -gibt. 

Der Träger der smarten Uhr hat den Vorteil, dass er dank der integrierten SIM alle Funktionen nutzen kann, auch ohne ein damit verbundenes Smartphone in der Tasche mittragen zu müssen. Damit ist „die eSIM ein wichtiger Enabler für das Internet of Things (IoT), das keine SIM-Karte zum Ein- und Ausstecken mehr benötigt“, befindet Jan Trionow von 3.

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