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Pfand gegen Tonne

Um Plastikmüll zu reduzieren, fordern die einen ein Pfand auf PET-Flaschen, die anderen ein einheitliches (Abhol-)Sammelsystem. GEWINN hat Pros und Contras entlang der Wertschöpfungskette zusammengetragen.

(Foto: Yaroslav Danylchenko - stocksy.com)

Bis letztes Jahr wurden 5.000 bis 7.000 Tonnen „Taschen mit Tragegriff oder Durchgriff aus Kunststoff“, besser bekannt als Plastiksackerl, ausgegeben – und zwar jährlich, so das Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus. Seit heuer ist damit Schluss. Jetzt soll es anderen Kunststoffverpackungen an den Kragen gehen, die kaum verwendet werden oder nicht-recycelbar sind. Im Sommer wurde die Einführung einer EU-weiten Plastiksteuer beschlossen und hierzulande ist zusätzlich eine teils hitzige Diskussion entfacht, inwieweit ein generelles Pfand auf PET-Flaschen mehr kostet oder mehr bringt, um die geforderten Sammel- und Recycling-Quoten in Österreich zu erreichen.

Handel hat bereits gehandelt

Restbestände an Einwegplastiksackerl, die beim Handel noch auf Lager liegen, dürfen noch bis Ende dieses Jahres ausgegeben werden. Nicht nötig, versichert man bei Rewe Österreich, wo die Auslistung in den Filialen bereits im Oktober 2019 erfolgt ist. Ines Schurin, Leiterin Unternehmenskommunikation: „Damit werden rund 125 Millionen Plastikknotenbeutel pro Jahr eingespart.“ Und: „Schon seit 2017 sparen die Handelsfirmen der Rewe Group Österreich mit Unterstützung der täglich 1,9 Millionen Kunden rund 31 Millionen Kunststofftragetaschen pro Jahr ein.“

Ersetzt wurden diese durch Mehrwegnetze aus Holzfaser und Öko-Sa­ckerl aus Kartoffelstärke. Das Obst- und Gemüsesortiment der Bio-Marken von Rewe – Ja! Natürlich und Echt B!o – wird überhaupt nur noch lose oder umweltfreundlich verpackt angeboten. Und, so Schurin: „Bis 2030 sollen 100 Prozent der Verpackungen aller rund 60 Lebensmitteleigenmarken systematisch umweltfreundlicher gestaltet werden.“
Auch bei Spar gibt es schon seit „lange vor dem gesetzlichen Verbot zahlreiche Alternativen zum Plastiksackerl erklärt Lukas Wiesmüller, Leiter Nachhaltigkeit: „Der Umstieg war daher für Konsumentinnen und Konsumenten fließend und problemlos möglich.“ Für Spar ist der Wechsel zu Papier oder Mehrweg Teil des Projekts „Gemeinsam Plastik sparen mit Spar“. Wiesmüller: „Spar prüft dabei unternehmensweit, wo Verpackung ganz weggelassen, reduziert oder noch besser recycling-fähig gemacht werden kann.“ So können Spar-Kunden mittlerweile ihre eigenen Frischebehälter für offene Waren an der Feinkostbedientheke mitbringen und in ersten Interspar-Märkten gibt es Abfüllstationen für Reis, Hülsenfrüchte oder Müsli. Laut eigenen Angaben führt Spar zudem das größte Angebot an Getränken in Mehrwegflaschen.

WKO will Hol- statt Bringsystem

Die Idee eines generellen Pfands für Kunststoffgetränkeflaschen ist für Spar wenig zielführend, weil diese nur rund 14 Prozent der Verpackungsabfälle ausmachen, so Wiesmüller: „Für die übrigen 86 Prozent der Kunststoffverpa­ckungen muss auch bei einem möglichen Pfand eine Sammelstruktur aufrechterhalten und ausgebaut werden. Diese Parallellösung ist wirtschaftlich nicht sinnvoll.“

Auch bei Rewe sieht man das Thema mit gewisser Distanz und verweist an den Handelsverband und die Sparte Handel in der Wirtschaftskammer. Deren Generalsekretär, Karlheinz Kopf, spricht sich jedenfalls klar gegen ein Pfandsystem aus. Er will mit einem Zehn-Punkte-Plan für eine alltagstaugliche Kreislaufwirtschaft ein besseres Ergebnis erzielen. Zu den darin enthaltenen Maßnahmen zählt beispielsweise die Vereinheitlichung der Sammelstruktur über ganz Österreich und deren Ausbau von einem Bring- zum Holsystem. Kopf: „Dadurch lässt sich nicht nur das Ziel einer Sammelquote von 90 Prozent bis 2029 erreichen, dieses Modell kommt auch um mindestens 60 Millionen Euro pro Jahr günstiger als ein Pfandsystem.“

Global 2000 hält dem entgegen, dass derzeit zwar 70 Prozent der Plas­tikflaschen gesammelt, allerdings nur 40 Prozent auch tatsächlich recycelt würden. In Ländern mit etablierten Pfandsystemen hingegen würde eine Rücklaufquote von bis 95 Prozent erreicht, so die Umweltschutzorganisation.

„Müllhändler“ gegen Ressourcenmanager

Uneinigkeit besteht auch zwischen Greenpeace und dem VOEB (Verband Österreichischer Entsorgungsbetriebe). Im August kritisierte die Umweltorganisation den „intransparenten und klimaschädlichen Handel mit Plastikmüll, der durch die Recycling-Industrie gefördert wird.“ Laut einer Analyse auf Basis von Eurostat-Zahlen importiert Österreich 240.000 Tonnen Kunststoffabfälle pro Jahr und liegt damit in Europa an vierter Stelle (hinter Deutschland, Niederlande und Belgien).

„Wir sind keine ‚Müllhändler‘, wir sind hochqualifizierte Ressourcenmanager, und ohne unseren Beitrag wird es keine Kreislaufwirtschaft in Österreich geben“, sagt dazu Gabriele Jüly, Präsidentin des VOEB. Um die heimischen Anlagen im Kunststoff-Recyc­ling ökonomisch zu betreiben, bedürfe es aber zusätzlicher Mengen aus dem Ausland, so Jüly.

Warum aber wird dann in Österreich nicht mehr gesammelt? Für den VOEB sind es die vielen Gesetze, die das verhindern. Dazu Daisy Kroker, Geschäftsführerin des VOEB: „Derzeit gibt es in Österreich ein Bundesabfallwirtschaftsgesetz, neun Landesabfallwirtschaftsgesetze sowie kommunale Abfuhrordnungen.“ Insbesondere beim Gelben Sack oder der Gelben Tonne verhindert das eine „österreichweit einheitliche Kampagne für den Konsumenten“, so Kroker. Außerdem fordert der VOEB fixe Einsatzquoten von recyceltem Kunststoff. Kroker: „Aufgrund des derzeit sehr niedrigen Ölpreises ist die Primärware um vieles günstiger als der Sekundärkunststoff – daher ist ein verpflichtender Einsatz ein gewisser Anreiz für die Industrie.“ Einen solchen Anreiz gibt es unter anderem in der Ökodesign-Richtlinie der EU. Sie regelt die „umweltgerechte Gestaltung energieverbrauchsrelevanter Produkte“, also Verpackungen.

100 Prozent rePET statt nur PET

Vöslauer, mit mehr als 40 Prozent Marktanteil, ist die Nummer eins auf dem österreichischen Mineralwassermarkt und erweist sich auch beim Thema Recycling als Branchenprimus. Seit Februar 2020 bestehen alle Vöslauer PET-Flaschen zu 100 Prozent aus „rePET“, also aus recycelten PET-Flaschen. Fünf Jahre früher als geplant, erklärt Birgit Aichinger, Geschäftsführerin der Vöslauer Mineralwasser GmbH: „Das ist uns gelungen, weil wir uns schon seit über 15 Jahren mit umwelt- und ressourcenschonender Produktion beschäftigen und die richtigen Partner an unserer Seite haben.“
Ein zentrales Thema dabei war die nachhaltige Versorgung mit ausreichend Material. Aichinger: „Ein großer Vorteil ist aber, dass wir Mitbegründer der PET to PET Recycling Österreich GmbH sind und dort werden täglich rund 100 bis 150 Tonnen PET-Ballen angeliefert und verarbeitet. Darüber hinaus haben wir als einziges Mineralwasserunternehmen Österreichs rePET-Pfandflaschen, die zu 97 Prozent wieder zu uns zurückkommen und sortenrein wiederverwertet werden.“
Das spräche wieder für ein Pfandsystem. Aichinger gibt sich dazu diplomatisch: „Ob ein Einwegpfand die richtige Lösung ist, darüber herrscht selbst in Expertenkreisen unseres Wissens nach noch kein Konsens.“


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