Porträt: Alfred Stern, Borealis – Mehr Kunststoff, weniger Erdöl

So lautet das Motto beim Petrochemiekonzern Borealis. CEO Alfred Stern, Manager mit internationaler Erfahrung, forciert den Materialkreislauf in der Kunststoffproduktion. Mit der OMV hat man nun einen neuen Mehrheitseigentümer.

(Foto: Borealis/Daniela Beranek)

Wofür ist die Gemeinde Bisamberg bei Wien bekannt? Etwa für die Heurigen und die weitläufigen Radrouten.

Für beides an seinem Wohnort kann sich Alfred Stern, CEO von Borealis, begeistern. Doch der gebürtige Steirer hatte im Laufe seiner Karriere nicht allzu viel Zeit, die österreichische Lebensqualität zu genießen. „Erst 2012 sind meine Frau, zwei Kinder und ich nach Bisamberg gezogen, als ich in den Vorstand gekommen bin“, so der 56-Jährige. Denn davor hat er mehrere Stationen in der Schweiz, in den USA und Deutschland gemacht.

„Zwischen diesen mehrmals hin und her“, so Stern über ein Managerleben, in dem er alle paar Jahre nicht nur Job, sondern auch Wohnort, ja sogar Kontinent gewechselt hat.

Nach dem Studium der Materialwissenschaft an der Montanuniversität in Leoben ging es mit dem Doktorat in der Tasche gleich über die Grenze. Nach Genf zum US-amerikanischen Chemiekonzern Dupont. „Die haben mich gut weiterentwickelt. Eine Zeit lang war ich im Verkauf und Marketing samt erster Führungspositionen“, erinnert sich Stern. Gefolgt von Jobs in der Produktion und im Businessmanagement. In den USA (in Wilmington, bei Philadelphia) hat er auf dem Höhepunkt seiner Karriere bei Dupont als Global Business Manager einen Geschäftsbereich geleitet, der eine halbe Milliarde US-Dollar umsetzte.

Back to Austria

2008 wurde Stern von Borealis angeworben für den Job als Senior Vice President Innovation & Technology an der Niederlassung in Linz. Für ein „Ja“ spielten freilich keine Heurigen oder Radstrecken ins Blatt. „Es war gerade so eine unglaublich spannende Zeit bei Borealis mit toller Zukunftsperspektive“, erzählt er. Gleich zwei fette Projekte standen nämlich auf dem Programm. Das Innovation Headquarter stand kurz vor seinem Ausbau. Und die Erweiterung des Jointventures in Abu Dhabi. Für den international erfahrenen Stern samt Wissenschafts-Background also ein aufgelegter Elfmeter.

Bleiben wir beim Thema International. Seit 1996 besteht zwischen Borealis und der Abu Dhabi National Oil Company (ADNOC) ein Jointventure namens Borouge. Der eine liefert das Öl, der andere das Know-how, die Kohlenstoffketten zu „cracken“ und daraus Polyolefine zu machen. Darunter versteht man übrigens alle Polymer-Kunststoffarten. Aus den Fabriken von Borealis rollen aber keine fertigen Teile, sondern Kunststoffgranulat, der Rohstoff für die Weiterverarbeitung.

Action im Emirat

Aber nun zurück nach Abu Dhabi. Die Unternehmung Borouge wuchs 2010 und 2016 mit Investitionen von mehreren Milliarden Euro zu einem Koloss mit 4,5 Millionen Tonnen Jahresoutput. Man betreibt die größte petrochemische Produktionsanlage weltweit. Mit Borealis ist es das Tor in den Mittleren Osten, nach Asien und nach Afrika.

Für ADNOC ist die Prozesstechnologie Borlink und Borstar aus dem Hause Borealis das Objekt der Begierde. „Damit lassen sich Polypropylen und Polyethylen für differenzierte Produkte herstellen“, veranschaulicht Stern.

Etwa hauchdünne Folien oder Kabel­ummantelungen für den Hochspannungsbereich (da ist Borealis Weltmarktführer), ebenso wie besonders leichte und widerstandsfähige Teile in der Autoindustrie.

Dieses Know-how ist gefragt, denn die Margen für „08/15-Polyolefine“ sind weltweit durch Überkapazitäten in der Produktion, gepaart mit niedrigem Ölpreis und dem Corona-Dämpfer in der Nachfrage derzeit nicht so prickelnd.

Spezialisierung auf Hightech-Kunststoffe

„Daher haben wir uns spezialisierte Segmente gesucht, wo höhere Wertschöpfung passiert als im Massenmarkt“, betont Stern, der 2012 in den Vorstand aufstieg und den Bereich Polyolefine und Innovation & Technologie leitete.

Die wirtschaftlich interessanten Spezialgebiete für Borealis sind unter anderem hochreine, hauchdünne Folien für die Elektronik, erneuerbare Energien (etwa Einkapselungen von Photovoltaikmodulen), Healthcare, Rohre und Kreislaufwirtschaft.

2018 gelang noch ein internationaler Coup. Diesmal auf der anderen Seite des Globus. Mit dem US-Ölkonzern Total und NOVA Chemicals ging Stern ein Jointventure („Bayport“) in Texas ein.
Doch Asien bleibt der interessantere Markt für Borealis. Um zwei bis vier Prozent wächst der Markt für Polyolefine pro Jahr (190 Millionen Tonnen). Der Großteil davon geht auf den Kunststoffhunger in Fernost zurück. „Der Kunststoffverbrauch pro Kopf ist dort noch nicht so hoch wie in westlichen Ländern“, analysiert Stern. Daher sind die Wachstumsraten denkbar hoch und liegen sogar über dem BIP-Wachstum.

Zukauf bei Recycling

Für Stern durchaus mit gemischten Gefühlen verbunden. „Die Menschheit verbraucht immer mehr, sei es Energie und Materialien. Ohne Innovationen und neue Technologien werden wir den steigenden Wohlstand nicht auf eine umweltverträgliche Art und Weise schaffen.“ Dieses Thema hat ihn schon während seines Studiums beschäftigt und war der Treiber für das Interesse an Materialien.

Heute kann er die Zukunft als CEO, der er seit 2018 ist, vom Steuerstand eines der größten Polyolefinunternehmen der Welt mitgestalten. Etwa wenn es um das Thema Recycling geht. Seit 2014 hat Borealis erste Produkte mit Recyc­lat, also mit wiederverwendetem Kunststoff, im Portfolio. Doch so ganz einfach ist das nicht. Salopp ausgedrückt: Nicht jede Plastikflasche lässt sich mit jeder Folie einfach zusammenschmelzen und daraus eine neue Tupperdose fertigen.

Stern kaufte also Know-how zu. Mtm in Deutschland und Ecoplast in Österreich. „Damit sind wir selbst zum Recycling-Unternehmen geworden“, so das Ergebnis. In den vergangenen vier Jahren hat Borealis seine Recyc­lingkapazität vervierfacht, bis 2030 soll dieser Faktor nochmals gelingen. Das hört sich viel an, aber momentan liegt man bei 100.000 Tonnen Recyclat pro Jahr. Angesichts der Gesamtmenge von 3,6 Millionen Tonnen Jahresproduktion (exklusive Jointventures) ist da noch viel Luft nach oben.

Luftig geht es auch noch bei den Rahmenbedingungen zu. Zwar gehen die Marktpreise für Recyclat Hand in Hand mit der „Neuware“, doch das Recycling selbst ist ein steter Kostenfaktor. Sammeln, Sortieren, Reinigen und Trennen bleiben gleich und sind auch nicht von Dingen wie dem Ölpreis unmittelbar abhängig.

Kreislauf ohne Cash

„Derzeit ist es eine Investition in die Zukunft. Richtig Geld kann man damit noch nicht verdienen“, gibt Stern zu bedenken und fordert regulatorische Rahmenbedingungen, die an der Wurzel ansetzen.

So etwa bei Folienverpackungen, die in den letzten Jahren immer dünner und damit billiger geworden sind. Der Haken daran: Sie bestehen aus mehreren Schichten – eine für die Fes­tigkeit, eine für die Dampfsperre und eine für den Glanz des Aufdrucks. „Diese Schichten bekommt man nie auseinander. Man kann es zwar recyceln, aber die Qualität des Recyclats ist niedrig“, erklärt Stern, der für mehr Monomaterial-Verpackungen plädiert, also etwa Folien „nur“ aus Polyethylen.

Recycling-Technologien ist auch einer der Schwerpunkte in den drei Forschungszentren von Borealis. Im Headquarter in Linz, dessen Ausbau ja einer der „interessanten Zukunftsperspektiven“ für Alfred Stern beim Eintritt in das Unternehmen war, geht man Anwendungsentwicklung für Automobil, Rohre, Folien, Healthcare an. Rund 200 Millionen Euro sind in den Ausbau in Linz um das Jahr 2008 geflossen. „Unser Geschäft ist ein Hochleistungssport. Man kann nicht international erfolgreich sein, wenn man nicht die Topathleten hat“, veranschaulicht es Stern. 350 „Sportler“ aus 30 Ländern sind dort tätig. Hinzu kommen noch je ein Forschungszentrum in Finnland, Schweden und Abu Dhabi.

OMV wird Mehrheitseigentümer

Seit Ende Oktober letzten Jahres fließt durch die Adern von Borealis mehrheitlich österreichisches Blut. Zuvor waren nämlich 64 Prozent im Besitz des staatlichen Beteiligungsunternehmens Mubadala aus Abu Dhabi und 36 Prozent hielt der österreichische Öl- und Gaskonzern OMV. Doch um „mehr Kunststoff, weniger Erdöl“ im Portfolio zu haben, erwarb die OMV zusätzliche 39 Prozent von Mubadala und erhöhte damit ihre Beteiligung auf 75 Prozent. Mubadala hält nun 25 Prozent (sowie 25 Prozent an der OMV). Der Kaufpreis lag bei knapp vier Milliarden Euro. „Einen österreichischen Mehrheitseigentümer zu haben ist eine tolle Sache. Wir spielen bei der strategischen Neuausrichtung der OMV eine wichtige Rolle, und das sehe ich als Anerkennung für unsere Leistung“, so Stern diplomatisch.

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