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Porträt: Michael Strugl – Der Strom-Stratege

Er wollte immer ins Management, landete aber in der Politik. Als er dort schon sehr hoch geklettert war, wurde es mit der Karriere in der Wirtschaft doch noch etwas: Michael Strugl ist seit Anfang des Jahres der neue CEO von Österreichs wertvollstem Unternehmen an der Börse, vom Verbund.

(Foto: Ernst Kainerstorfer)

In seinem Lebenslauf steht Steyr als Geburtsort, „aber eigentlich bin ich ein Mühlviertler“ relativiert der hochgewachsene Michael Strugl. Steyr war halt das nächstgelegene Spital, daher diese Zuordnung: Matura in Kremsmünster, dann Studium in Linz (Jus und Wirtschaft), anschließend ging’s an die Universität in Toronto, wo er noch einen Master „drauflegte“ und auch in Stanford Elite-Atmosphäre genoss. Seit der anschließenden Promotion in Linz könnte auf seiner Visitenkarte stehen: „Mag. Dr. MBA“. Er trägt diese Titel jedoch nicht wie eine Trophäe vor sich her, sondern erwähnt sie nur flüchtig als Etappen seiner zügigen und internationalen Ausbildung. Ziel war dabei, in der Wirtschaft eine Management-position zu erklimmen. Doch dazu kam es – vorerst – nicht: Oberösterreichs damaliger Landeshauptmann Pühringer engagierte den Erfolgstyp gleich von der Universität weg und forcierte ihn für stets höhere politische Weihen. Bis er schließlich zum Landeshauptmann-Stellvertreter aufstieg und besonders gewichtige Ressorts zu verantworten hatte (z. B. Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Technologie, Energie, Beteiligungsmanagement, Innovation, Wissenschaft, Europa und Regionalplanung). Die Aufgabe als Aufsichtsrat der Energie AG gefiel ihm besonders, er träumte eher von der Nachfolge Leo Windtners als dortiger Generaldirektor als von einem weiteren Engagement in der Politik: „Ich wollte nie mein Leben lang in der Politik verbringen, quasi bis zur Pension, mein Ziel war und blieb stets die Wirtschaft.“

Schnelle Vorurteile punzierten Strugl als „politische Besetzung“, wie das halt vor Jahrzehnten im Verbund gar nicht so selten war. Faktum hingegen war, dass er sich hochoffiziell um die ausgeschriebene Vorstandsfunktion im Verbund beworben hatte. Es gab die stattliche Anzahl von 42 Bewerbern, aber Strugl schnitt bei den Hearings exzellent ab und landete zunächst unter den letzten acht. Doch auch hier ging er als Sieger hervor, ab 1. Jänner 2019 agierte er als Vize-Chef im Verbund und hatte eine umfangreiche Agenda eingepackt.

Change-Management statt fixes Korsett

Michael Strugl, Jahrgang 1963, war aber nicht gekommen, um alles unverändert zu lassen. Innerhalb von nur zwei Jahren sorgte er für wichtige neue „Meilensteine“. Als da sind:

 

  • Start in die Innovationslandschaft: Dieser Bereich wurde völlig neu aufgesetzt als Teil der Holding, viele spannende Ideen und Projekte, ein eigener Innovationshub in Mellach zum „grünen Wasserstoff“, dazu eine Kooperation mit der Standford-Universität, wo er seine guten Kontakte nutzen konnte.
  • Gründung von „Green Power“: Der Wasserkraftspezialist Verbund als engagierter „Treiber“ von Photovoltaik und Windprojekten.
  • Handel und Vertrieb wurden gänzlich neu aufgestellt – daraus wurden gleich die bisher erfolgreichsten Jahre in diesem Bereich.
  • Kauf des Gasnetzes von der OMV, 51 Prozent einer Firma, die einen Unternehmenswert von 890 Millionen Euro repräsentiert.

Michael Strugl zieht fürs Erste zufrieden Bilanz: „Ja, das war ein Window of Opportunity, eine einmalige Gelegenheit, die eine Schlüsselrolle in unserer Strategie hat.“

Denn in dem Auftrag des Verbund steht, dass er die Sicherheit und die leistbare Versorgung des Landes mit „sauberem Strom“ gewährleisten muss. Strugl modifiziert diese alte Formel mit dem neuen Zusatz: „Wir handeln uns vom Energieversorger zum Leitunternehmen der Energiewende. Wir sind das führende Infrastrukturunternehmen Österreichs und in dieser Rolle Partner der Industrie bei der Dekarbonisierung. Hinzu kommt noch, dass wir der Technologieinnovationsführer in der Branche geworden sind.“

Vor allem wenn es um das Thema „grüner Wasserstoff“ geht, kommt Strugl ins Schwärmen. Der Wasserstoff werde sich zwar weniger in der individuellen Mobilität, sprich: bei den Pkw, schnell durchsetzen, sondern zunächst seine Anwendung in der Industrie finden: Mit der Voest wird in Linz ja eine der größten Elektrolyseanlagen betrieben, quasi als Test für großindustrielle Projekte. Genauso gibt es mit der OMV-Raffinerie Projekte und mit ­Borealis und Lafarge Verfahren zur CO2-Recyclierung. Im Zugverkehr ist die Zillertalbahn die Erste, die mit Wasserstoff betrieben wird.

In der Energie wird (fast) alles neu

Allein diese Aufzählung macht schon deutlich, wie dynamisch es neuerdings in dieser Branche zugeht. Michael Strugl, an seinem Espresso nippend: „Wir stehen mitten in den größten Veränderungen, die der Energiesektor je erlebt hat. Und der Verbund ist der Ermöglicher derartiger Veränderungen, sprich: der Energiewende hin zum nachhaltigen Bereich.“ Da gerät der neue Verbund-Chef so richtig in Schwung: „Die neuen Trends sind vorgezeichnet, da ist die Dekarbonisierung, dann die Digitalisierung, die von der Erzeugung bis zum Vertrieb Auswirkungen hat, dann die Dezentralisierung. Gab es früher große Erzeugungseinheiten, so geht es jetzt auch Richtung Windräder und Photovoltaik. Energieversorgungsgemeinschaften werden möglich, aber meiner Meinung nach sinnvollerweise beschränkt auf lokale Initiativen.“

Bei allen wesentlichen Neuerungen möchte der Verbund eine führende Rolle spielen, Leuchtturmprojekte sollen den weiteren Weg weisen, beim Thema Wasserstoff sieht er den Verbund schon in einer führenden Position. Grüner Wasserstoff werde ein Schlüssel in der Energiewirtschaft der Zukunft sein, aber weniger in Österreich als international. Strugl: „Die Erzeugung einer Megawattstunde kostet beispielsweise in Marokko 18 Euro, in Österreich 62 Euro. Also wird man es eher in großem Umfang dort machen.“

Das bedeutet enorme Veränderungen zum Ist-Zustand. Derzeit betreibt etwa der Verbund über 130 Wasserkraftwerke, bis 2030 sollen auch 25 Prozent der Erzeugung aus Wind und Photovoltaik kommen, das sind gewaltige Verschiebungen.

Dass es nicht bei Lippenbekenntnissen und Sonntagsreden bleibt, unterstreicht die kürzlich vorgenommene Inbetriebnahme der größten Solaranlage in Schönkirchen gemeinsam mit der OMV: „Die haben die riesige Deponiefläche gehabt und können den Sonnenstrom ins eigene Werksnetz einspeisen.“ Ein Zeichen mehr, dass die Zusammenarbeit in Österreich mit anderen Industrie-„Riesen“ wie der OMV oder der Voestalpine gut funktioniert. Und es entspricht auch der Strategie des Verbund-Konzerns, Partner der Industrie bei der Dekarbonisierung zu sein.

Muskeln genug hat der Verbund: An der Börse ist seine Kapitalisierung auf über 62 Euro je Aktie gestiegen, das entspricht einem Wert des Unternehmens von 21,7 Milliarden Euro. Ein Rekord in der Firmengeschichte. Das Wachstum wird zügig weitergehen: Allein in den nächsten drei Jahren sind Investitionen von mehr als zwei Milliarden Euro geplant.

Für Strugl ist auch das Teil der Strategie: „Die Energiewende wird nur dann funktionieren, wenn wir die Netze ausbauen können und wenn wir über entsprechende Speichermöglichkeiten verfügen.“ Die extrem langen Genehmigungsverfahren bei den Hochspannungsleitungen waren da nicht gerade ein ermutigendes Unterfangen, aber inzwischen hat sich auch das geklärt (sprich: Genehmigung für den Bau der 380-KV-Leitung in Salzburg). Und Mellach dient als „Retter in der Not“, wenn wieder einmal eingegriffen werden muss, um die Stromversorgung aufrechtzuerhalten.

270 Eingriffe pro Jahr, damit es nicht finster wird

Wie stabil ist eigentlich die Stromversorgung in Österreich? Michael Strugl hat sich damit im Detail auseinandergesetzt: „270-mal pro Jahr ist das nötig, das ist nicht mehr die Ausnahme, eher schon die Regel.“

Denn auch die Erzeugungsstruktur hat sich enorm verändert: Statt weniger riesiger Kraftwerke gibt es eine Vielzahl von dezent­ralen Einheiten und auch von unterschiedlicher Art. Neben der bewährten Wasserkraft auch Wind, Sonne & Co, die nicht so kontinuierlich Strom produzieren und einen Ausgleichsmechanismus erfordern. In Zukunft wird möglicherweise auch grüner Wasserstoff als Speichermedium eine Rolle spielen. In der Energiewirtschaft hat die Zukunft längst begonnen.

Ja, und zum Thema sichere Versorgung gehört auch die eigenständige Versorgung im Lande selbst. Bis zum Jahr 2000 hat Österreich sogar Strom exportiert, inzwischen sind wir ein Stromimportland geworden. Aber auch das könnte sich wieder ändern. Michael Strugl: „Wenn wir unsere geplanten Investitionen durchführen können, sollten wir sogar wieder zum Exporteur werden, vorausgesetzt wir werden bei unseren Vorhaben nicht blockiert.“

Sieben Prozent weniger Umsatz durch Corona

Die Energieversorgung eines Landes ist alles andere als ein Selbstläufer. Allein durch die Corona-Pandemie ist während des ersten Lockdowns der Stromverbrauch um 15 Prozent gesunken, in manchen Industriebereichen sogar um 80 Prozent, der vermehrte Konsum in den privaten Haushalten konnte das nicht abfangen. Der Verbund-General: „Derzeit stehen wir alles in allem bei minus sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr.“ Auf den Spotmärkten sind die Preise phasenweise zusammengebrochen, genauso steil waren die Veränderungen der Preise für CO2-Zertifikate. Was wieder nur unterstreicht, wie rasant die Veränderungen in der einst so starren Energielandschaft zugenommen haben. Heute nutzt auch der Verbund modernste Prog­nosemodelle, etwa dank der Künstlichen Intelligenz, um von der Erzeugung bis zum Trading und Speichern optimal agieren zu können.

Aus für Auslandsabenteuer, hin zum Kerngeschäft

Schon sein Vorgänger Wolfgang Anzengruber hat die vielfältigen Auslandsbeteiligungen des Verbund abgebaut. Statt dessen gilt jetzt ganz klar die Konzentration aufs Kerngeschäft: „Österreich und Deutschland sind unser Kernmarkt, dazu kommen noch kleinere Aktivitäten in Rumänien und Albanien. Große Auslandsengagements sind immer mit Risken behaftet, da war es von meinem Vorgänger ganz richtig, reinen Tisch zu machen.“

Dass der Staat eine 51-prozentige Mehrheit am Verbund halte, sieht Strugl nicht als Bremsklotz: „Das ist historisch entstanden und war verständlich. Dass wir aber auch an der Börse notieren und ein ATX-Wert sind, ist gut für die finanzielle Hygiene und Transparenz.“ Der Staatsanteil ist in der Verwaltung ja vom Wirtschafts- ins Finanzministerium „gewandert“, zuständig ist die ÖBAG. Für die Strugl nur lobende Worte findet: „Die arbeiten absolut professionell, auch die Zusammensetzung des neuen Aufsichtsrates hat dem Unternehmen zusätzliche Qualität gebracht.“

Viel Lob von einem, der erst ganz kurz von diesem Aufsichtsrat gekürt wurde? Offenbar nicht, denn, so Strugl: „Auch meine Bestellung zum CEO ist nach internationalen Standards erfolgt, ich hatte mich einem Assessment zu unterziehen, wo dann einstimmig beschlossen wurde, dass ich es werden soll. Das war bei der Verlängerung meiner Vorstandskollegen genauso. Das ist transparent und konsequent, ein neuer Stil.“

Der Führungsstil des neuen „Generals“

Selbst wenn es um persönliche Fragen geht, wirkt Michael Strugl nicht verkrampft, sondern konzentriert und lo­cker: „Wichtig ist, analytisch zu denken, klare Ziele zu definieren und Entscheidungen auch wirklich zu treffen. Ich meine, dass ich einen kooperativen Führungsstil pflege. Aber es stimmt schon: Zur definierten Strategie kommen die klaren Ziele, die raschen Entscheidungen und vor allem die unglaubliche Exzellenz im Mitarbeiterstab des Verbund.“ Dieses Know-how sei international herausragend und dessen sollte man sich auch bewusst sein.

Hilft ihm da seine Sportlichkeit, mit dem Stress fertig zu werden? Strugl bleibt auch da entspannt:“ Ich fühle mich in Wien sehr, sehr wohl, die Stadt bietet ein großartiges Angebot, vom Kulturellen bis hin zum Gesellschaftlichen und der Natur.“ Dreimal in der Woche joggt er jeweils zehn Kilometer, seine Zeit beim Wachau-Halbmarathon lag unter zwei Stunden. Als begeisterter Tennisspieler, Skifahrer und Langläufer hat er keine Gewichtssorgen.

Aber dass es derzeit keine Opernaufführungen und Theaterbesuche gibt, schmerzt ihn: „Aber auch das wird vorbeigehen, die Geduld muss man halt aufbringen.“

Vorausgesetzt, man hat die richtige Strategie. Michael Strugl scheint sie jedenfalls für den Verbund zu
haben...

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