Regionalmatador

Wie die oberösterreichische Unimarkt-Gruppe mit Franchise und Filialen auf dem Land im Schatten von Rewe, Spar und Hofer brilliert. CEO und Miteigentümer Andreas Haider führt den Familienbetrieb mit 410 Millionen Euro Umsatz als regional agierenden Nahversorger abseits der Ballungszentren.

Andreas Haider, 51, ist CEO der oberösterreichischen Unimarkt-Gruppe. 2015 verkaufte das Unternehmen, das zuvor Pfeiffer-Gruppe hieß, alle Cash & Carry Märkte und fokussierte fortan auf den Einzelhandel (Foto: Zoe Goldstein Fotografie)

Mitverkauft. So erinnert sich Andreas Haider scherz­haft an seinen Einstieg ins Unternehmen vor 31 Jahren. Damals war der gebürtige Mühlviertler Kaufmannslehrling bei einem Lebensmittelgroßhändler im Bezirk Perg. Dieser wurde von Pfeiffer geschluckt und Haider landete in der familiengeführten Unternehmensgruppe, die als Gastrogroßhändler mit ihren C+C (Cash&Carry)Abholmärkten aktiv war. „Das war für mich ein super Sprungbrett, weil ich in einem größeren Unternehmen die Chance bekommen habe, mich mit zu entwickeln“, erzählt Haider. Mit folgenschweren Auswirkungen, denn heute steht er als Geschäftsführer und Miteigentümer an der Spitze des 410 Millionen Euro Umsatz schweren Vehikels, das seit 2016 Unimarkt-Gruppe heißt. Doch alles der Reihe nach.

Die Geschichte der Pfeiffer-Gruppe, benannt nach der oberösterreichischen Gründer- und Eigentümerfamilie, reicht bis ins Jahr 1862 zurück. In den 1980er-Jahren kam zum Kerngeschäft als Großhändler mit der Übernahme von Unimarkt die Einzelhandelsschiene dazu. Ebenso der Verbund der selbständigen Kaufleute „Nah & Frisch“. „Ich habe damals die Händler betreut und unter anderem für sie eine Schulungsabteilung aufgebaut“, so Haider über die besagten Chancen im Unternehmen. Und er hat Unimarkt-Supermärkte zum Franchise-System mitentwickelt. 1990 gab es den ersten Franchise-Nehmer. „Das hat Spaß gemacht, denn ich war der Betreuer, Berater und habe nach und nach das Franchise-System groß gemacht“, erinnert sich Haider. Der frühe Franchise-Stempel hat ihn von 2015 bis heute zum Präsidenten des Österreichischen Franchise-Verbandes gemacht.

Franchise ausweiten

Von der Idee des Netzwerks an selbständigen Händler ist Haider nach wie vor beseelt: „Ein Produkt ins Regal zu stellen ist nett, und das kann ich auch aus einer Konzernzentrale steuern. Aber das Engagement und das Herzblut eines Unternehmers, der es seinen Kunden präsentiert, das geht nur über Franchise-Partner.“ Heute misst das Unimarkt-Netz 125 Filialen in der „Mitte“ von Österreich, also zwischen Salzburg und Altlengbach auf der horizontalen sowie von Schärding bis zur slowenischen Grenze auf der vertikalen Achse. Davon 62 via Franchise. Bis 2022 sollen es 100 in Oberösterreich, Niederösterreich, Salzburg, Steiermark und Burgenland werden.

Die geografische Spezialität hat zwei Gründe: Zwei Zentrallager – in Traun (nahe Linz) und Seiersberg (bei Graz) – schränken den Aktionsradius der dort gelagerten 8.000 verschiedenen Produkte ein. Und darüber hinaus hat man sich in Wien schon einmal die Finger verbrannt.

Zielpunkt-Pleite

2012 kaufte die Pfeiffer-Gruppe via Beteiligungskonstrukt über einen Anwalt die angeschlagene Supermarktkette Zielpunkt. Pfeiffer war mit 25 Prozent direkt beteiligt. 400 Standorte in ganz Österreich, 130 davon in Wien. Drei Jahre später folgte die Insolvenz. Haider, der damals noch nicht in der Geschäftsführung der Pfeiffer-Gruppe waren, mutmaßt dazu: „Die Restrukturierungskosten in den Bundesländern war zu hoch, um Licht am Ende des Tunnels zu sehen.“ Ebenso haben die vielen Strategiewechsel durch einige vorangegangene Eigentümerwechsel der Kette nicht gutgetan.

Fokus auf den Einzelhandel

Zeitgleich zur Insolvenz setzte Pfeiffer ebenso zum weitreichendsten Strategiewechsel in der eigenen Unternehmensgeschichte an. Man verkaufte die acht C+C Pfeiffer-Abholmärkte an den schweizerischen Mitbewerber Transgourmet. Ein Schelm, der denkt, es wäre eine Notfallmaßnahme, um die Zielpunkt-Insolvenz zu verkraften. Streng betrachtet erfolgte der Deal mit Transgourmet nämlich schon davor. „Pfeiffer wollte sich von nun an nur auf den Einzelhandel beschränken und benötigte dafür Kapital“, berichtet Haider über die Motivation. Über 50 Jahre C+C- Geschichte waren nun aus dem Haus. Wie viel der Verkauf des C+C-Bereichs mit zuletzt knapp einer halben Milliarde Euro Jahresumsatz hereinspülte, bleibt unter Verschluss.

Zu Transgourmet pflegt man noch ein Naheverhältnis in Form des Joint-ventures namens „Top-Team Zentraleinkauf“. Es fungiert als Schnittstelle zwischen Lebensmittelindustrie und Großhändlern wie eben Transgourmet, aber auch Lekkerland, Eurogast, Wedl, Kiennast und dem Pfeiffer Großhandel. Letzterer, mit Sitz in Traun beim Headquarter, fungiert als Händler für selbständige Kaufleute unter dem Mantel von „Nah&Frisch“ sowie „Land lebt auf“. Top-Team-Zentraleinkauf wi­ckelt jährlich ein Einkaufsvolumen von rund einer Milliarde Euro ab.

Haider beteiligt sich

Zurück zu Andreas Haider. Der einstige „mitverkaufte“ Lehrling absolvierte neben seinem Job die Studienberechtigungsprüfung, später die Unternehmensberaterprüfung sowie ein Fernstudium, das ihm den Titel Diplomkaufmann einbrachte. Parallel dazu stieg er zum Abteilungsleiter für „Schulung, Betriebsberatung und Franchise“ im Einzelhandelsast (Unimarkt) der Pfeiffer-Gruppe auf. 2003 wurde er Prokurist und 2011, zeitgleich zur Beteiligung von Pfeiffer an Zielpunkt, stieg er zum Geschäftsführer auf. Sanierungsversuche und Insolvenz liefen somit auf der Ebene über ihm ab. Das änderte sich bald.

„Nach all diesen Turbulenzen in der Pfeiffer-Gruppe war die Frage, wie es mit dem verbleibenden Einzelhandelsgeschäft weitergehen soll“, berichtet Haider. Eigentümer und damaliger Geschäftsführer Georg Pfeiffer offerierte Haider, als Gesellschafter einzusteigen. „Da ich so lange schon im Unternehmen war, jeden Standort und den Markt gut kenne, war es für mich eine Herzensangelegenheit, das Unternehmen weiterzuentwickeln“, so die Begründung, 2017 mit 20 Prozent einzusteigen.

Schon sein Vorgänger, Josef Mahringer, war mit 15 Prozent dabei gewesen. „Das war Vorbild, dass auch externe Geschäftsführer am Unternehmen beteiligt sein können.“ Georg Pfeiffer wechselte in den Aufsichtsrat der Unternehmensgruppe, wo er den Vorsitz eingenommen hat.

Dorf statt Stadt

Nun an der Spitze, gemeinsam mit Co-Geschäftsführer Robert Knöbl, verfolgt Haider seine Mission, „hochwertige Lebensmittel zur Exzellenz zu treiben. Wir wollen noch lokaler, noch regionaler werden“. Das vielstrapazierte „Regional“ ist bei Unimarkt keine Worthülse, sondern gelebte Praxis. 20 Prozent der Umsätze stammen aus regionalen und lokalen Produkten. Das bedeutet, so viel Fleischwaren, Käse, Obst und Gemüse wie möglich von kleinen Lieferanten aus der Umgebung der jeweiligen Standorte. Mit 30 Kilometer wird dieser „Lokalradius“ betitelt. „Wir beziehen viel von Produktionsstätten direkt, ohne Umwege über unsere Zentrallager“, ergänzt Haider zum kleinstrukturierten Lieferantennetz.

Regionalität ist also das Rezept, mit nur drei Prozent Marktanteil neben den „Big 3“ im Lebensmitteleinzelhandel (Hofer, Rewe und Spar halten knapp 90 Prozent) zu reüssieren. „Wir gewinnen den Wettbewerb nicht, indem wir die Großen kopieren, sondern eine eigene Kundenansprache aufbauen.“ Und das erfolgt über die Standorte in den ländlichen Regionen, wo die Menschen eher wohnen als arbeiten. Unimärkte im urbanen Bereich gibt es wenige.

Das wirkt sich auf die Mieten aus. Mit den Preisen, die der potente Mitbewerb bezahlt, spielt man nicht mit. „Das macht wirtschaftlich keinen Sinn“, betont Haider. Aber nur auf „regional“ zu pochen ist nicht genug. Auch wenn Unimarkt kein Diskonter ist, so verlangt der Kunde trotzdem Preiseinstiegsprodukte im Sortiment. Die Eigenmarke „Jeden Tag“ (fünf Prozent Anteil) bietet Alternativen zu den bekannten Marken.

Online-Besteller aus Wien

Natürlich hat der Corona-bedingte Lockdown den Lebensmitteleinzelhandel beflügelt. Keine Restaurantbesuche und kein Mittagessen in der Betriebskantine. „Die Einkaufsfrequenzen wurden weniger, aber die Kunden haben deutlich mehr gekauft“, so Haider. Auch die Umsätze beim E-Commerce haben sich von einem Prozent Anteil am Gesamtumsatz auf zwei verdoppelt. Ein Trend, der auch jetzt noch anhält. Übrigens ist Unimarkt Online-Pionier im heimischen Lebensmittelhandel. 2015 ging der Shop online. „Wir haben in den letzten Jahren sehr viel Geld investiert, aber jetzt sind wir froh darüber und haben den Break-even erreicht“, resümiert Haider. „Gelöst“ hat man den branchenweit mit vielen Fehltritten behafteten Absatzkanal mit einem Darkstore. Das an die bestehende Unimarkt-Filiale in Wels angeschlossene Versand- und Kommissionierlager schafft es in Kooperation mit der Österreichischen Post, binnen 24 Stunden jede Adresse der Republik zu beliefern.

Detail am Rande: Die meisten hungrigen Bestellmäuler weilen übrigens in Wien, wo Unimarkt keine einzige Filiale hat. Im Schnitt rangiert ein Online-Einkauf bei 90 Euro, während das stationäre Pendant auf 20 Euro kommt. „Online kaufen die Kunden eher wertige und teure Lebensmittel“, meint Haider und vermutet, dass die Produktvielfalt samt Angeboten in den Regalen ablenkend wirkt.

In der Zukunft des Lebensmittelhandels sieht Haider ergänzendes Nebeneinander von online und stationär. „Wenn ich unterwegs Appetit auf ein Weckerl habe, gehe ich zur Theke in den Supermarkt. Aber der Wocheneinkauf wird sich ins Internet verlagern.“ Mitverkaufen lässt sich schließlich in beiden Welten.

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