Spielgeld der Konzerne

Wenn Konzerne in Start-ups investieren, dann fließt Corporate Venture Capital (CVC). Sie holen sich damit Innovationen ins Haus und halten sich mögliche Konkurrenten „fern“.

(Foto: jacoblund - GettyImages.com)

Venture Capital (VC) ist, trotz seiner Tücken, in aller Munde. Start-ups brauchen Geld, um schnell wachsen zu können, Firmen und Anleger suchen nach attraktiven Investmentmöglichkeiten. Während Investoren oft vor allem an schnellem Wachstum interessiert sind, brauchen Start-ups strategische Langzeitpartner und mehr als nur finanzielle Ressourcen. Eine im europäischen Raum etwas jüngere Entwicklung nimmt sich dieser Themen an: Corporate Venture Capital (CVC). Im Gegensatz zu klassischen VCs handelt es sich hier nicht um Investmentfirmen, sondern um den Investment-Arm etablierter Konzerne und ihre Investments in industriespezifische, strategisch potenziell wichtige Start-ups. Schätzungen zufolge betrugen 2018 die weltweiten CVC-Investments 50 Milliarden US-Dollar.

Symbiose von David und Goliath

Als eines der ersten CVC-Investments gilt jenes der DuPont Manufacturing Company während des Ersten Weltkriegs in General Motors (GM). Die Gründe dafür waren finanzieller (man glaubte an den zukünftigen Erfolg von GM), aber vor allem auch strategischer Natur (ein Wachstum von GM führt zu einer erhöhten Nachfrage für Güter von DuPont). Mittlerweile sind CVCs in den USA von IT-Riesen (IBM) bis zu Baufirmen (Suffolk) und Getränkeherstellern (Anheuser-Busch), gang und gäbe und erlebten gerade nach der Dotcom-Blase einen Boom. Doch was erwarten sich Firmen von CVC und warum sieht man diese Art von Investments in Österreich (noch) kaum?

Die Grundidee hinter CVCs ist simpel: Während große, bestehende Unternehmen Liquidität und Einfluss besitzen, fehlt es ihnen mitunter an Innovationskraft und Experimentierfreudigkeit. Die existierende interne Bürokratie und Trägheit machen Entwicklungen im Haus schwierig, langwierig und wenig erfolgreich; gerade in Bereichen, die nicht in der Kernkompetenz des Unternehmens liegen.

Tausche Innovation gegen Ressourcen

Auf der anderen Seite fehlt es Start-ups oft an User-Feedback, Marktzugang, zahlungswilligen Kunden und natürlich Kapital. Die Lösung liegt nahe: Corporates investieren direkt in Start-ups, geben ihnen Zugang zu den bestehenden Ressourcen des Konzerns (Kunden, Anwälte, IT-Infrastruktur, Marketing...) oder kaufen das Produkt des Jungunternehmens und sichern so die Nachfrage.

Des Weiteren profitieren Start-ups von der Markenbekanntheit, den Absatzkanälen und der Glaubwürdigkeit des Konzerns. Im Gegenzug bekommt dieser direkten Zugang zu und Einfluss auf neue Produkte und Innovationen, die in-house kaum oder nur sehr teuer, möglich gewesen wären. Durch die ihm zur Verfügung gestellten Ressourcen und Absatzkanäle sinkt nicht nur das Risiko, sondern steigt auch auf längere Frist der Wert des Start-ups beziehungsweise der Anteile, die das hinter dem CVC stehende Unternehmen besitzt. Ein guter Deal für beide Seiten.

Konkurrenz an der Leine

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Corporates so stark an CVC interessiert sind: Frühe Investments eignen sich als perfekte Pipeline für spätere Akquisitionen. Wie es Al Pacino in Der Pate Teil II so denkwürdig sagte: „Keep your friends close but keep your enemies closer.“ Natürlich birgt diese Praxis auch ihre Schattenseiten: Oft investieren Konzerne gezielt in mögliche spätere Konkurrenten, um sich diese einzuverleiben, statt mit ihnen konkurrieren zu müssen und somit einen Wettbewerbsvorteil zu haben, der möglicherweise zu höheren Preisen für die Kunden führt.

Google (einer der aktivsten Corporate-Investoren der Welt) und Microsoft, aber auch Pfizer, Roche und viele weitere Großkonzerne verfolgen diese Strategie seit Jahren erfolgreich.

CVC in Österreich: Aufsichtsrat als Bremse

Auch wenn Corporate VC eindeutig Sinn ergibt, sehen wir noch kaum CVCs in Österreich. Das liegt unserer Meinung nach daran, dass wir in Zentraleuropa generell etwas konservativer als in den USA sind, wenn es um Risikokapital geht. Großkonzerne bilden hier keine Ausnahme. Denn wenn falsch umgesetzt (nicht das richtige Personal, zu wenig Unabhängigkeit vom Mutterkonzern, nicht genügend „Risiko“ im „Risikokapital“), kann CVC viel Shareholder-Value zerstören. Zusätzlich kommt in Österreich die Struktur der Unternehmen negativ zu tragen: Die Entscheidung, einen Corporate-VC-Arm aufzusetzen, kann zwar theoretisch vom Vorstand getroffen werden, muss bei den (börsennotierten) Unternehmen aber auch noch vom Aufsichtsrat gebilligt werden. Ein CVC-Arm bringt, wenn überhaupt, erst langfristig Rendite und ist dadurch per Definition riskant.

Viel Potenzial in Österreich

Ein anderes Hindernis beim Umsetzen eines (erfolgreichen) CVC-Arms in Österreich ist die Suche nach geeignetem Personal. Ein CVC ist schlussendlich eine Venture-Capital-Firma – also braucht es dazu „echte“ Venture Capitalists und zumeist ein anderes Personalprofil, als wir es in den Finanzabteilungen von Konzernen vorfinden. Nicht nur deshalb hat sich eine strukturelle (und physische) Abkopplung des CVC-Arms zur Corporate-Mutter bei vielen amerikanischen Unternehmen als notwendiger Schritt zum Erfolg herausgestellt. Zu allerletzt braucht es große, liquide Konzerne und eine aktive Start-up-Szene, um das CVC-Konzept in einem Markt attraktiv zu machen. Unternehmen, die groß genug sind, um zumindest einen kleinen CVC-Arm zu unterhalten, gäbe es in Österreich vor allem im Industriesektor genügend. Und auch die Start-up-Szene ist mittlerweile robust genug.

Fazit

CVC ist ein nützliches – und in den USA erfolgreiches – Konstrukt, welches große Unternehmen die Chance gibt, Innovation zuzukaufen und dabei zu verdienen. Wenn unterlassen, riskieren bestehende Unternehmen nicht nur viel Geld, sondern setzen sich auch der Gefahr aus, Trends und Innovationen zu verschlafen (man denke an Kodak) und von der Konkurrenz überrannt zu werden. Es überrascht, dass in einem wirtschaftlich erfolgreichen Land wie Österreich, mit vielen großen Konzernen, starker Industrie und einer stärker florierenden Start-up-Szene (Bitpanda wurde unlängst zu einem österreichischem „Unicorn“), verhältnismäßig wenig CVC-Aktivitäten zu beobachten sind. „Ausnahmen“ aber sind: Elevator Ventures (Start-up-Beteiligungs-Vehikel der Raiffeisenbank International mit Fin-Tech-Schwerpunkt) sowie Uniqa Ventures (CVC-Arm der Uniqa Versicherung mit Health-Tech und Insure-Tech Schwerpunkt).

GEWINN verwendet Cookies um die Website möglichst benutzerfreundlich zu gestalten und Ihnen damit den bestmöglichen Service zu gewährleisten.
Wenn Sie fortfahren, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.