Unsere Kämpfer gegen Treibhausgas

Wie heimische Unternehmen ihre Kohlendioxid-Emissionen drosseln und welche Innovationen dabei entstehen.

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Beginnen wir mit der schlechten Nachricht, die das Umweltbundesamt Anfang dieses Jahres publizierte. Statt weniger wurde hierzulande zuletzt mehr CO2 – korrekt handelt es sich um CO2-Äquivalente oder auch Treibhausgas-Emissionen (THG) – ausgestoßen. Mit einem Plus von 3,3 Prozent oder 2,7 Millionen Tonnen stieg der heimische CO2-Ausstoß 2017 auf 82 Millionen Tonnen.

Die Wirtschaft als großer Klimasünder? Ganz so ist es nicht. Zumindest nicht in der längerfristigen Betrachtung. Denn während der Sektor Energie und Industrie heute „nur“ um ein Prozent mehr CO2 emittiert als 1990, verzeichnete der Verkehr in derselben Zeit ein Plus von 72 Prozent! Trotzdem haben Energie und Industrie mit 37 Prozent den größten Anteil an den THG-Emissionen. Dagegen etwas zu tun liegt immer mehr auch im wirtschaftlichen Interesse – vor allem jener Unternehmen, die dem Europäischen Emissionshandelssystem (EH) unterliegen und zumindest für einen Teil ihres Ausstoßes sogenannte CO2-Zertifikate kaufen müssen.

Voestalpine und Wasserstoff

Die Voestalpine ist das Unternehmen, das in den letzten Jahren – auch aus eigenem Bestreben – am meisten mit dem Thema CO2 in Verbindung gebracht wurde. Dass man untätig gewesen wäre, kann man der Voestalpine aber nicht vorwerfen. Über die letzten drei Dekaden konnten die prozessbedingten CO2-Emissionen bereits um rund 20 Prozent gesenkt werden und langfristig strebt das Unternehmen „eine schrittweise Dekarbonisierung der Stahlproduktion an, um von Kohle über nachfolgende Brückentechnologien, etwa auf Erdgasbasis, zu einer möglichen Anwendung von CO2-neut­ralem ,grünem‘ Wasserstoff zu gelangen“, so die offizielle Stellungnahme.

Der Weg dorthin soll über das auch von der EU als „Leuchtturmprojekt“ titulierte und mit zwölf Millionen Euro geförderte Forschungsvorhaben „H2Future“ führen. Insgesamt werden 18 Millionen Euro investiert, um die Einsatzmöglichkeiten von CO2-neutralem Wasserstoff in der Stahlerzeugung zu testen. Derzeit wird am Voest­alpine-Standort Linz eine der weltweit größten Versuchsanlagen zur Herstellung von „grünem“ Wasserstoff errichtet, geplanter Start des Demonstrationsbetriebes ist im Oktober 2019.

Das Umweltengagement hat aber auch  wirtschaftliche Gründe. Denn die Preise für CO2-Zertifikate sind zuletzt stark gestiegen, mit negativen Auswirkungen auf das wirtschaftliche Ergebnis, wie jüngst bei der Präsentation der Quartalszahlen bekannt wurde. Der neue CEO, Herbert Eibensteiner, dazu: „Wir rechnen alleine für dieses Jahr mit Kosten für den Zukauf von Zertifikaten in der Höhe von rund 100 Millionen Euro.“ 2018/2019 waren es 69 Millionen Euro. Und, so Eibensteiner: „Leider sind diese Mittel aber nicht zweckgewidmet. Würden diese für die Entwicklung von Zukunftstechnologien an uns rückgeführt, hätte das einen positiven Lenkungseffekt.“

OMV gibt Gas für weniger CO2

Ganz schlechte Karten, klimaneutral zu werden, hat die OMV. Denn „als integriertes Öl- und Gasunternehmen“ sind fossile Energiequellen Kern ihrer Geschäftstätigkeit. Doch auch die OMV will umweltfreundlich werden. Seit 2015 konnten die THG-Emissionen aus der weltweiten Geschäftstätigkeit von zwölf auf elf Millionen Tonnen CO2-Äquivalent gedrosselt werden, wie Andreas Rinofner, OMV-Konzernsprecher, erklärt: „Das Unternehmen ist in diesem Zeitraum jedoch deutlich gewachsen: Die Produktion im Upstream-Bereich (Anm. d. Red.: Förderung von Öl und Gas) ist in diesem Zeitraum um 40 Prozent gestiegen. Das operative Ergebnis hat sich mehr als verdoppelt.“

Und so soll es auch weitergehen. Bis 2025 will die OMV ihren CO2-Ausstoß um 19 Prozent reduzieren und den Gasanteil im Produktportfolio ausbauen. Denn Erdgas emittiert deutlich weniger CO2 als Erdöl. Die OMV setzt  auch auf Photovoltaik und errichtet gemeinsam mit Verbund im niederösterreichischen Weinviertel die größte Photovoltaik-Freiflächenanlage Österreichs, um die dortigen Standorte mit sauberer Energie zu versorgen. Auch der Bau einer elektrolytischen Wasserstoffproduktion wird geprüft.

Neben ihrem regulären Investi­tionsbudget von jährlich zwei bis 2,5 Milliarden Euro hat die OMV bis 2025 bis zu 500 Millionen Euro für innovative Energielösungen veranschlagt. Zu den wegweisendsten Projekten zählen Co-Processing und ReOil. Ersteres ist eine Technologie, mit der biogene Subs­tanzen, wie etwa Altspeiseöle, gemeinsam mit den fossilen Anteilen raffiniert und nicht nur beigemengt werden. Damit liegen die Emissionen bis zu 85 Prozent unter den EU-Standardwerten. Mithilfe des ReOil-Verfahrens wird aus Kunststoffabfällen synthetisches Rohöl gewonnen. Laut einer Studie würde in der Raffinerie Schwechat die Substitution von klassischem Rohöl durch synthetisches Rohöl eine Reduktion von 45 Prozent der Treibhausgasemissionen bei einem 20 Prozent geringeren Energieeinsatz ermöglichen.

Siemens: CO2-frei bis 2030

Etwas leichter hat es ein Hightech-Konzern, CO2-neutral zu werden. Siemens will das bis 2030. In Österreich müssen dazu rund 20.000 Tonnen CO2 eingespart werden, die derzeit noch in den Bereichen Fuhrpark, Wärme und Strom anfallen. Das sollte machbar sein, schließlich entwickelt und implementiert Siemens unter anderem Programme zur Verbesserung der Gebäudeeffizienz. Dazu Christian Wölfel, Nachhaltigkeitsmanager der Siemens AG Österreich: „Damit helfen wir unseren Kunden, die Effizienz ihrer Gebäude zu maximieren, die Betriebskosten zu senken und die Umweltauswirkungen zu reduzieren.“

Dass man das kann, zeigt Siemens anhand der Siemens City in Wien-Floridsdorf. Dort werden die Bürogebäude mittels Bauteilaktivierung gekühlt und beheizt. Über 120 Tiefenpfähle und Wärmepumpen wird Erdwärme genutzt, rund 200 Quadratmeter Sonnenkollektoren sorgen für Warmwasser im Restaurant sowie im Konferenzzent­rum und Wärmetauscher nutzen rund 85 Prozent der Abluftenergie. Wölfel: „Effiziente Steuerungs- und Regelsysteme sowie ein intelligentes Energiemanagement machen die Siemens City zu einem Green Building.“

 

 

 

Lenzing: Vorreiter in der Textilindustrie

„Wir müssen die Pariser Klimaziele einhalten, es gibt keine Alternative“, stellt Lenzing-Vorstandsvorsitzender Stefan Doboczky unmissverständlich fest. Bis 2050 wird Lenzing „klimaneutral produzieren“, dazu will der Zellstoff- und Faserproduzent auch die Modeindust­rie in die Pflicht nehmen. Doboczky: „Die Textilindustrie hat mit ihrem CO2-Ausstoß einen ähnlichen Einfluss auf das Weltklima wie die Autoindustrie.“

Um die Position als Nachhaltigkeitsvorreiterin in der Branche auszubauen, wird Lenzing in den kommenden Jahren 100 Millionen Euro in Energieeinsparungen investieren. Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Klimaneutralität wird das Jahr 2030 sein, so Doboczky weiter, bis dahin sollen die Emissionen pro Tonne Fasern und Zellstoff um 50 Prozent im Vergleich zum Jahr 2017 gesenkt werden – bei gleichzeitigem weltweitem Wachstum (siehe dazu das Interview in der TOP-­GEWINN-August-Ausgabe, für Abonnenten kostenlos im Online-Archiv unter gewinn.com abrufbar). In der derzeitigen Bilanz habe Lenzing laut Doboczky „knapp eine Million Zertifikate“. Am Standort Lenzing selbst will man im Jahr 2030 bereits zu 100 Prozent klimaneutral produzieren. In Asien selbst benötigt man noch Brückentechnologien auf dem Weg zur Klimaneut­ralität. Etwa in Nanjing, China, wo bisher Kohle als Energieträger verwendet wurde. Während der Wettbewerb und Chinas Unternehmen generell weiter Kohle verbrennen, setzt Lenzing künftig auf Erdgas und erneuerbare Energien, die im Reich der Mitte insgesamt noch nicht weit verbreitet sind. Doboczky: „Erdgas ist für uns eine Zwischentechnologie, letztlich wollen wir an allen Standorten möglichst klimaneutral produzieren.“

Der Kärntner schließt sich an, dass eine CO2-Bepreisung notwendig sein wird. Die Anregung von Verbund-CEO Anzengruber, dass es dabei keine CO2-Steuer, sondern einen CO2-Mindestpreis geben soll, der sukzessive solange ansteigt, bis der Marktpreis den Mindestpreis übersteigt, sieht er als „kreativen Ansatz“. „Eine CO2-Steuer würde nur weltweit einheitlich funktionieren, das sehe ich derzeit aber nicht.“

Post mit größter E-Flotte

„CO2-neutral zugestellt“ heißt es bei der Österreichischen Post seit 2011. Bedeutet das, die Post produziert gar kein Treibhausgas? Leider nein. Insgesamt beliefen sich die CO2-Emissionen der Post im letzten Jahr auf etwa 71.000 Tonnen. Das sind immerhin um 26 Prozent weniger als 2011 – trotz mehr Leis­tung –, erklärt Daniel-Sebastian Mühlbach, Leiter CSR & Umweltmanagement der Österreichischen Post AG: „Seit 2011 stieg die Anzahl der gefahrenen Kilometer um 15 Millionen, gleichzeitig verringerten sich die Emissionen um 7.100 Tonnen.“

Mit „100 Prozent E-Mobilität auf der letzten Meile“ will die Post bis 2030 beim CO2-Ausstoß noch weiter runterkommen. Mühlbach: „Die Post ist bereits heute der größte E-Flotten-Betreiber. Ende 2019 werden schon an die 1.900 E-Fahrzeuge bei der Post im Einsatz sein.“

Trotzdem macht das noch nicht CO2-neutral. „Alle CO2-Emissionen, die derzeit nicht vermeidbar sind, werden durch die Unterstützung von nationalen und internationalen Klimaschutzprojekten kompensiert“, sagt Mühlbach. Eines davon  ist das „Virunga Berggorilla Projekt“ in Ruanda. Dort werden 50.000 Haushalten energieeffiziente Kochöfen zur Verfügung gestellt. Das bringt eine Einsparung von 400 Tonnen Holz täglich oder 146.000 Tonnen pro Jahr.

ÖBB „ersparen“ uns Vorarlberg

Nach Energie und Industrie ist der zweite große Klimasünder der Verkehr, der für 29 Prozent der THG-Emissionen hierzulande verantwortlich ist. Dabei „außen vor“ ist jedoch der öffentliche Verkehr. So sparen etwa die ÖBB durch den Transport von Menschen und Waren pro Jahr 3,5 Millionen Tonnen CO2. Um diese Menge zu binden, müsste man einen Wald in der Größe Vorarlbergs pflanzen.

Unterm Strich ist die Nutzung der Bahn um 15-mal klimafreundlicher als der Pkw, um 21-mal als der Lkw und gegenüber dem Flugzeug ist die Bahn sogar 31-mal besser für die Umwelt. Das umso mehr, als die ÖBB seit Sommer 2018 zu 100 Prozent mit grünem Bahnstrom aus erneuerbaren und heimischen Quellen unterwegs sind. Um die Eigenversorgung mit grünem Bahnstrom zu erhöhen, wurde in Wilfleinsdorf in Niederösterreich das welterste Photovoltaik-Bahnstrom-Kraftwerk errichtet. Seit 2014 speist die 18.000 Quad­ratmeter große Anlage – davon sind 7.000 Quadratmeter Solarpanele – den von ihr erzeugten Strom direkt in das Oberleitungsnetz der ÖBB ein. Und das mit mehr Ertrag als erwartet. Entsprechend wollen die ÖBB weitere PV-Anlagen zur Erzeugung von Bahnstrom errichten.

Bis 2030 will der ÖBB-Konzern klimaneutral sein. Erreicht werden soll dieses Ziel auch beim Postbus, der künftig Wasserstoff statt Diesel tanken könnte. Nach einem ersten Einsatz in Wien wird ein solcher Bus nun in einem gemeinsamen Testbetrieb auf unterschiedlichen Linien in Graz und Umgebung eingesetzt.

Wien – Johannesburg ohne CO2

„Wer auf Öffis umsteigt, spart pro Jahr bis zu 1.500 Kilogramm CO2“, bestätigt auch Günter Steinbauer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Wiener Linien: „Das sind rund 8.300 nicht gefahrene Kilometer mit einem Pkw oder die Strecke von Wien nach Johannesburg in Südafrika.“

2018 waren in der Bundeshauptstadt rund 966 Millionen Fahrgäste mit U-Bahn, Bim und Bus unterwegs, um rund 91 Millionen mehr als noch 2011. Dennoch konnten in dieser Zeit über 82 Gigawattstunden Energie eingespart werden, und das „trotz stark ausgebautem Angebot, mit neuen Linien oder dichteren Intervallen“, so Steinbauer. Erreicht wurde diese Einsparung trotz Wachstum unter anderem, weil seit 2018 aus Bremsenergie Strom erzeugt wird. Steinbauer: „Kommt eine U-Bahn und bremst in der Station, so wird auch diese Energie genutzt, um einen abfahrenden Zug anzutreiben. Ist keiner in der Nähe, so wird die Energie in das Wiener-Linien-Stromnetz eingespeist.“

Fliegen statt Surfen fürs Klima

Der oft gescholtene Flugverkehr hat in Österreich mit weniger als 0,5 Prozent einen sehr geringen Anteil an den CO2-Emissionen. Das, weil nur die inländischen Flüge mit Start und Landung in Österreich den nationalen Treibhausgasemissionen zugerechnet werden. Aber auch bei internationalen Flügen hätte es jeder selbst in der Hand, seine CO2-Belastung zu kompensieren. Tatsächlich tut das aber kaum wer, berichtet der Vorstand der Flughafen Wien AG, Günther Ofner: „Wie so oft gibt es da  eine Kluft zwischen Reden und Tun. Einen Flug nach Griechenland zu kompensieren kostet acht Euro. Tatsächlich macht das aber nicht einer von 100.“

Und ebenfalls nicht außer Acht zu lassen: Weltweit verursacht der Luftverkehr gerade einmal 2,7 Prozent der CO2-Emissionen. Ofner: „Das ist nicht nichts, aber Internet und Streaming machen rund zehn Prozent aus und ich glaube nicht, dass sich da jemand schämt dafür.“

Erster CO2-neutraler Airport

Dafür geht der Flughafen nun mit gutem Beispiel voran und will künftig alle dienstlichen Flüge durch den Kauf von CO2-Zertifikaten kompensieren. Um bis 2030 einer der ersten, wenn nicht der erste, CO2-neutrale Airport der Welt zu werden. Dafür „eingecheckt“ hat man bereits 2011 und den Energieverbrauch seitdem um 40 Prozent und den CO2-Ausstoß sogar um 70 Prozent auf aktuell rund 20.000 Tonnen reduziert – trotz Wachstum wie der jüngst veröffentlichte neue Passagierrekord bestätigt. Ofner über das Wie: „Wir haben ein strategisches Programm aufgesetzt, das wir abarbeiten. Der Hauptanteil wurde bei Heizung, Klima und Luft erreicht. Das macht 70 Prozent unseres Energieverbrauchs aus. Da haben wir einerseits in die Hardware investiert, aber vor allem in die Steuerung.“

Gemeinsam mit TU Wien und Denkstatt wurde dazu eine intelligente Software entwickelt: das zentrale Optimierungs- und Steuerungstool „Smart City Airport“, das den Betrieb und Energieeinsatz in über 150 Gebäuden und Anlagen der Airport City und der Terminals steuert und optimiert. Die Software und ihr selbstlernender Algorithmus sind offensichtlich so gut, dass ein Start-up gegründet wurde, um das erworbene Know-how anderen Flughäfen, aber auch Bahnhöfen oder Einkaufszentren anzubieten. Gekostet hat die Entwicklung „Millionen“, diese sollen sich aber in wenigen Jahren amortisieren. Ofner: „Alles, was wir investiert haben, rechnet sich. Wir haben nichts gemacht, das nicht auch wirtschaftlich ist.“

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