Vier-Sterne-Hotel mit Bassena am Gang

8.000 Betten, 350 Events jährlich und 110 Reisebüros: Die Verkehrsbüro-Gruppe ist mit 615 Millionen Euro Umsatz der größte heimische Tourismuskonzern. Der Wachstumskurs geht unter Neo-CEO Martin Winkler weiter, ab März bereichert die Hotelmarke Bassena das Portfolio.

Martin Winkler, 38, ist seit 2019 Vorstandsvorsitzender der Verkehrsbüro-Gruppe. Für das Foto posiert er im neuen Bassena-Hotel im Wiener Prater (Foto: Ernst Kainerstorfer)

Sein dunkelblauer Anzug sitzt tadellos. Dazu trägt Martin Winkler, der junge, smarte CEO der Verkehrsbüro-Gruppe, einen weißen Helm. Kein Wunder, aus der Decke über der Rezeption hängen noch die Kabel und gestemmt wird in der Lobby auch noch. Schauplatz ist das 2005 errichtete Austria Trend Hotel im Wiener Prater, das gerade die Verwandlung zum Pionierobjekt der neuen Hotelmarke „Bassena“ durchlebt. „Im siebten Stock sind schon einige Mus­terzimmer fertig“, verkündet Winkler während der Fahrt im Aufzug, welcher innen temporär mit Pressspanplatten verkleidet ist. Inmitten der Baustellenromantik der Blick ins eingerichtete Zimmer: Blickfang ist die wandfüllende, figurativ-abstrakte Kunsttapete der Wiener Künstlerin Nanna Prieler. Bunte Farben und typisch Wienerisches wie das Riesenrad oder eine Bassena (wie die früheren Gemeinschaftsbrunnen am Gang in den Wiener Zinshäusern hießen) sind zu sehen.

Das jung-urbane Bassena-Konzept mit hohem Designanspruch hat Wiener Wurzeln und das Thema Community im Fokus: als Ort der Begegnung, so wie einst die Bassena am Gang. In der Lobby wartet auch ein „Originalstück“. Winkler: „Wir haben von AirBnB gelernt: Der Gast von heute möchte in die Destination eintauchen und sie authentisch erleben. Wir brechen die Abgrenzung Leisure und Business auf, die Grundbedürfnisse beider Gäste sind gleich.“ Das erste Bassena-Haus wird heuer im März eröffnet.

„Der Standort im Spannungsfeld zwischen Alt und Neu, zwischen modernen Stadtvierteln mit Unis und dem traditionsreichen Prater und Zweiten Bezirk ist für die neue Marke ideal“, betont Winkler. 2022 folgt ein Bassena-Hotel im künftigen Stadtentwicklungsgebiet Vienna Twenty Two in Wien-Kagran. Weiters werden fünf Aus­tria-Trend-Häuser umgemodelt. An Hotel-Know-how mangelt es nicht.

40 Millionen Euro für Hotels

Die Verkehrsbüro-Gruppe ist mit 8.000 Betten der größte Hotelier unseres Landes, Austria Trend die führende Hotelkette (Fokus Vier-Sterne-Stadthotellerie). Mit 15 Standorten und einer kaiserlichen Suite im Schloss Schönbrunn ist Wien der Kernmarkt, Charme-Flaggschiffe sind das Parkhotel Schönbrunn sowie das Hotel Astoria in der Wiener Kärntner Straße. „Wir setzen auf klare Markenpositionierung – mit Geschichte, Lokalkolorit und Standortbezug“, so Winkler. Permanent wird die Standortstruktur optimiert, rund 40 Millionen Euro werden in den kommenden Jahren investiert. Darunter fällt auch das Bassena-Experiment.

Neue Konzepte sind im Verkehrsbüro nichts Neues. Denn seit 2011 besteht ein Jointventure mit der deutschen Motel One Group. Mittlerweile sind es hierzulande sieben solcher Budget-Design-Hotels. Mit Radisson Blu besteht eine Franchise-Kooperation.

Die Hotellerie ist ein verlässliches Geschäft. 2018 konnten die Nächtigungen um drei Prozent auf 2,3 Millionen gesteigert werden, der Umsatz legte in diesem Bereich um neun Prozent zu. Damit belegt die Hotellerie den dritten Platz der Verkehrsbüro-Geschäftsfelder.

Urlaubsreisen als größtes Kuchenstück

Herzstück des Konzerns ist die Sparte Leisure Touristik (Freizeit- und Urlaubsreisen) mit 66 Prozent des Konzernumsatzes. Die bekannten Ruefa-Reisebüros (110 Filialen in Österreich) lieferten in den letzten drei Jahren ein Rekordergebnis nach dem anderen, sowohl im stationären als auch im Online-Vertrieb: 2018 (das erfolgreichste Ruefa-Jahr) bescherte einen Umsatz von 332 Millionen Euro (plus acht Prozent). Mit einem am Umsatz gemessenen Marktanteil von 22 Prozent ist Ruefa die mit großem Abstand führende Reisebüro-Einzelmarke Österreichs, gefolgt von der Travel Star Reisebüro GmbH (Österreichs größte Reisebürokooperation mit 320 Mitgliedern – u. a. Columbus, Blaguss und Mondial; 21 Prozent) und der PRO-Gruppe (eine Vereinigung von Gruber, Kuoni, Raiffeisen, ÖAMTC etc; 20 Prozent).

Aber halt! Sind die stationären Reisebüros nicht schon lange totgesagt worden? Schwere Zeiten gab es natürlich, erinnert sich Winkler. „Bei der Übernahme von Ruefa schrieben wir rote Zahlen.“ Das war im Jahr 2004, als die Verkehrsbüro-Gruppe Ruefa von der Bayrischen Landesbank kaufte und damit 90 weitere Standorte im Portfolio hatte.

Online, offline und die Thomas-Cook-Pleite

Zwischen 2007 und 2010 war generell Reisebüro-Tiefpunkt – die Ruefa-Filialen wurden umgekrempelt. Winkler: „Unsere Schlüssel zum Erfolg sind einerseits das große Know-how unserer Mitarbeiter und die hohe Beratungsqualität, andererseits das ausgeklügelte Zusammenspiel zwischen Online und Offline.“ Und das funktioniert so: In der Praxis nehmen die allermeisten Reisen heute ihren Anfang online, gebucht wird aber im Reisebüro. Inves­titionen ins Online-Angebot versteht Winkler aber nicht als Digitalisierungsstrategie, denn „wir leben schon längst in einer digitalen Welt“.

Geholfen haben Ruefa auch unvorhersehbare Ereignisse, wie etwa die Thomas-Cook-Pleite. „Wir boten Thomas-Cook-Kunden aktiv sehr kulante Lösungen an. An Umsatz hat das kaum etwas gebracht, aber langfristig haben wir gewonnen“, so Winkler.

Was die buchbaren Reiseprodukte betrifft, so ist die Mehrmarkenstrategie für den Endkonsumenten nicht leicht zu durchschauen: 2011 wurde auch der Asien-Spezialist Jumbo übernommen – im B2B-Bereich sowie als Veranstalter (Ruefa hingegen wendet sich an den Endkunden). Zur Verkehrsbüro-Gruppe gehört seit 1998 auch Eurotours mit Sitz in Kitzbühel, zunächst als klassische Incoming-Agentur (ankommende Touristenströme aus dem Ausland), mittlerweile ist der Vollsortimenter (Standorte in Wien, Salzburg, München, Verona, Krakau und Prag) in der D-A-CH-Region und in den angrenzenden Nachbarländern führend. Eine wichtige Vertriebsschiene sind Kooperationen mit namhaften europäischen Marken. Hofer Reisen, gegründet 2003, mauserte sich zum größten Reiseanbieter Österreichs mit mehr als einer halben Million Kunden jährlich.

Business: Früher Firma, heute Einzelperson

Unter der im April 2018 gegründeten Dachmarke „Verkehrsbüro MICE Services“ wird die Organisation von Kongressen, Incentives und Events gebündelt, die Konzerntöchter Verkehrsbüro Business Travel, AX Travel Management und Austropa Interconvention arbeiten als operative Einheit zusammen. Damit ist man Marktführer für Business-Reisen.

Das wettbewerbsintensive Business-Geschäftsfeld ist digital geprägt und mit ständigen Veränderungen und immer strengeren Reiserichtlinien und Sparzwängen konfrontiert. Winkler: „Früher hat die Firma verhandelt, heute ist der Geschäftsreisende selbst Kunde. Und für ihn muss alles möglichst einfach gehen. Das ist von der Denke her neu.“ So wurde viel in neue Technologien investiert: Die App VB4travel unterstützt den Geschäftsreisenden vor und während seines Trips (unter anderem mit Chatbots, Traveller Tracking Tools und Direktanbindungen an Drittsysteme).

Café Central und Palais-Partys

Wenn vor dem traditionsreichen Café Central in der Wiener Herrengasse lange Schlangen asiatischer Reisender warten, so ist das das Verdienst der Verkehrsbüro-Gruppe. „Ein Selbstläufer über Social Media“, lacht Winkler. Palais Events ist das vierte Standbein, zum Portfolio zählen weiters die exklusiven Stadtpalais Ferstel und Daun-Kinsky sowie die Börsensäle. Die Sparte schreibt seit der Übernahme der Locations vor neun Jahren ein kontinuierliches Plus. Winkler: „Als Leitbetrieb der Event- und Gastrobranche differenziert sich Palais Events durch ein ‚Alles aus einer Hand‘-Konzept mit hoher Beratungs- und Abwicklungskompetenz.“ Das Catering stammt aus dem Café Central und seiner Patisserie.

Apropos Catering: Zur Gruppe gehörte unter Winkler-Vorgänger Harald Nograsek auch die Verkehrsbüro Kulinarik GmbH und Vitana Salat- und Frischeservice GmbH. Diese größte Frischküche Europas belieferte täglich 13 Restaurants (darunter den Rathauskeller), 51 Betriebskantinen, Kindergärten und die Wiener Stadthalle. 2007 wurde die Sparte abgegeben. Warum? „Das war eine Frage der Fokussierung, unsere Kernkompetenz ist Tourismus“, lässt Winkler wissen. Schließlich war es „vor seiner Zeit“.

Verkehrsbüro-Manager von der Pieke auf

Winkler ist 38 Jahre jung und seit Dezember 2019 Vorsitzender des Vorstandes (weiters Geschäftsführungsmitglied der Tochtergesellschaft Eurotours). Zur Verkehrsbüro-Gruppe kam er 2001 zufällig in seinem ersten Job überhaupt. „Ich plante, nach dem Bundesheer, Medizin zu studieren. Da ich ein paar Monate überbrücken musste, nahm ich hier ‚interimistisch‘ eine Stelle an.“ Von 2009 an leitete er das Konzernmarketing, ab 2010 das Controlling, kurz darauf das Finanzressort. 2017 stieg er in den Vorstand auf.

Mit 38 Vorstandsvorsitzender – da drängt sich die Frage auf: Was kommt danach? „Nichts! Ich blicke auf 103 Jahre Erfahrungsschatz zurück, der Job macht mit seiner großen Vielfalt extrem viel Spaß. Tourismus ist weltweit eine Wachstumsbranche und wir sind der Leitbetrieb dieses in Österreich wichtigen Wirtschaftsfaktors“, skizziert Winkler.

Seine eigenen Urlaubsgewohnheiten sind derzeit Österreich-verbunden. „Wegen der Kinder. Familienbedingt reise ich privat wenig ins Ausland, wir lieben Österreichs Berge und Seen. Die großen Reisen kommen in ein paar Jahren wieder!“ Und wie oft steigt Winkler in den konzerneigenen Hotels ab? „Gar nicht! Der Chef im Haus – unmöglich! Das würde den Mitarbeitern nur unnötigen Stress machen.“

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