„Wir werden den Umsatz auf zwei Milliarden Euro verdoppeln“

Wenn das nicht mal eine satte Ansage ist, in Zeiten gedämpfter Konjunktur, Handelsstreitigkeiten, Brexit und dem Corona-Virus. Aus wessen Mund sie entkam? Aus jenem des CEO von einem der innovativsten, ­global ­tätigen österreichischen Konzernen: Andreas Gerstenmayer von AT&S.

Andreas Gerstenmayer, Vorstandsvorsitzender von AT&S, im Interview mit Erich Brenner, stellvertretender Chefredakteur GEWINN (Foto: Pepo Schuster, austrofocus.at)

Wie verdoppelt man den Konzernumsatz von knapp unter einer Milliarde? Indem man eine Milliarde Euro in den Ausbau des Unternehmens investiert.

Doch der Reihe nach. Die Kernbereiche von AT&S sind Mobile Devices & Substrates (sind für zwei Drittel der AT&S-Umsätze verantwortlich), Automotive, Industrial und Medi­cal. Das Unternehmen mit Sitz in Leoben ist globaler Marktführer bei hochwertigen Leiterplatten und einer der führenden Hersteller sogenannter IC-Substrate (Verbindungsplattform zwischen Halbleiter und Leiterplatte). Produktionsstandorte befinden sich in Österreich (Leoben und Fehring) sowie in Indien (Nanjangud), China (Shanghai, Chongqing) und Korea (Ansan nahe Seoul). Im Geschäftsjahr 2018/2019 beschäftigte der Konzern, der Anfang Februar die neuesten Geschäftszahlen bekannt gab (siehe Tabelle), rund 10.000 Mitarbeiter.

Umsatz- und Ergebnisrückgang

Für das laufende Geschäftsjahr lag die bisher bestehende Prognose bei 1.028 Millionen Euro Umsatz, die Ebitda-Marge wurde zwischen 20 und 25 Prozent angenommen. Doch dabei wird es nicht bleiben. AT&S gibt dafür folgende Gründe an: „In den ersten drei Quartalen erreichte der Umsatz 753,2 Millionen Euro. Der Rückgang von 4,7 Prozent erklärt sich im Wesentlichen aus dem sich verändernden Produktmix im Bereich Mobile Endgeräte und mit einer rückläufigen Nachfrage im Bereich Industrial. Der Bereich Automotive bewegte sich trotz der aktuellen Umbrüche auf dem Mobilitätsmarkt auf Vorjahresniveau. In den Bereichen IC-Substrate und Medical & Healthcare konnten erwartungsgemäß Zuwächse verbucht werden.“

Klingt ziemlich normal und harmlos. Wirtschaft eben. Aber was ist mit Brexit, Zoll-/ Handelsstreit etc.? Spielen die überhaupt keine Rolle? Na ja, schon, aber vielmehr „führen derzeit die substanziellen Zukunftsinvestitionen... höheren Forschungs- und Entwicklungsausgaben zu vergleichsweise niedrigeren Ergebniswerten... die Ausbreitung der Virus­krankheit Corona beeinflusst gegenwärtig die Produktion in China. Aufgrund dieser ­Entwicklung werden die Umsätze hinter den Erwartungen liegen... erwartet für das laufende Geschäftsjahr ein Umsatzniveau von 960 Millionen Euro bei einer Ebitda-Marge von 18 bis 20 Prozent.“

Wie bei anderen Unternehmen, etwa der Voestalpine, standen also auch bei AT&S Produktionen in China aufgrund des neuen Virus bis in die zweite Februar-Woche teilweise still. Zu Redaktionsschluss war das Werk in Shanghai wieder offen, Chongqing II noch nicht. Dennoch klingt das alles nicht nach Verdoppelung des Umsatzes. Zudem sind die Werke in China nicht ausgelastet. Wie soll dieses ausgegebene Ziel erreicht werden?

„Das dritte Werk in Chongqing soll ab Ende 2021 in Betrieb gehen und uns ein Jahr später die zusätzliche Umsatzmilliarde bringen“, erklärt AT&S-CEO Andreas Gerstenmayer im GEWINN-Interview. „Die Ziele lauten mittelfristig auf 1,5, längerfristig zwei Milliarden Euro. 2018 haben wir begonnen, diese Ziele zu kommunizieren und uns einen Zeitraum von fünf Jahren dazu verordnet“, so Gerstenmayer. AT&S begann vor wenigen Monaten („in Zusammenarbeit mit einem führenden Halbleiterhersteller“), die Produktionskapazitäten für IC-Substrate an den Standorten Chongqing und Leoben auszubauen. Investitionsvolumen: bis zu eine Milliarde Euro. „Primär finanziert aus bestehenden Finanzierungslinien und dem operativen Cashflow“, wie er erklärt. Die beiden bestehenden Werke in Chongqing (gemeinsame Produktionsfläche rund 50.000 Quadratmeter) werden ausgebaut, das dritte soll nach Fertigstellung rund 64.000 Quadratmeter Produktionsfläche haben.

Woher der Optimismus über die zusätzlichen Aufträge? „Der Markt für IC-Substrate weist ein überproportionales Wachstum auf, wächst laut Prognosen bis 2024 mit elf Prozent pro Jahr, daher machen wir uns darum gar keine Sorgen. Es hängt nur von uns selbst ab, wie schnell wir unsere Kapazitäten hochziehen können. Noch acht Monate, dann können wir die volle Ausprägung in beiden bestehenden Werken fahren“, so Gerstenmayer.

Hat er nicht Angst, dass chinesische Unternehmen ihm die führende Position in der Entwicklung besagter IC-Substrate ablaufen? Schließlich versucht China gerade, eine eigene Halbleiterindustrie aufzubauen. „Stimmt, darin wird sehr viel investiert. Aber mit unserer Technologie haben wir vier bis fünf Jahre Vorsprung, da investiert derzeit keiner, denn dieser Vorsprung wäre nur sehr schwer aufzuholen. Nein, ich mache mir keine Sorgen, dass ein Kunde von uns daran denkt, künftig selbst zu produzieren“, blickt er optimistisch in die Zukunft – auch weil die „Wachstumsraten auf lange Sicht gigantisch“ seien und der Anteil an leiterplattenbasierten Lösungen für miniaturisierte Elektronik auf kleinstem Raum, wie er von AT&S im Rahmen des Modulgeschäfts verbaut wird, stetig steigt. Die Steirer bündeln dazu ihre Kompetenzen und starten eben zur Fertigung von Modulen, z. B. für Smartphones und Wearables, die zweite Ausbauphase im Werk Chongqing II.

Business-Treiber

Besonders von der nun auch in Europa im An- und Ausrollen befindlichen neuen 5G-Mobilfunktechnologie (Stichwort: Mobile Datenübertragung in Echtzeit) erwartet sich Gers­tenmayer eine Sonderkonjunktur für AT&S und die Branche. „Dank 5G werden zwei bis vier Milliarden Smartphones ­weltweit über die nächsten zwei bis vier Jahre ausgetauscht.“ Ein sicherer Push für Highend-Leiterplatten.

Auch die weiteren Treiber in Gestalt des Internets der Dinge, der Künstlichen Intelligenz, des autonomen Fahrens, Big und Smart Data etc. zeichnen Gerstenmayer ein Schmunzeln ins Gesicht. „Das Volumen der zu verarbeitenden Daten, die Rechnerleistung in Cloud- und dezentralen Strukturen werden so groß, dass die Nachfrage nach hochleistungsfähigen Mikroprozessoren jährlich ansteigt. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir in diesen Bereichen gebraucht werden.“

Und die anderen Geschäftsbereiche Auto­motive, Industrial und Medical? Für die kleine Medizintechniksparte etwa findet Gers­tenmayer Worte wie „schöne Nische, nette Ergebnisbeiträge, stabiles Wachstum“.
Beim Stichwort Automotive geht es ihm jedoch so wie derzeit vielen Managern weltweit. Die angenehme Leichtigkeit verschwindet aus seinem Gesicht, dessen Züge neutraler werden. „Wir erwarten, dass dieser Bereich 2020, vielleicht sogar 2021 ungefähr auf dem moderaten Niveau von 2019 weiterfahren wird.“ Dennoch ist Gerstenmayer auch hier zuversichtlich, schließlich sei AT&S noch nicht überall vertreten und werde Neukunden generieren. „Durch eine Kombination aus Innovation und Verdrängungswettbewerb, wobei wir Letzteres in der Regel durch Ersteres erreichen, nicht über Preisverdrängung.“

Entscheidend: Supply Chain

Hat Gerstenmayer schon mal an ein Werk in den USA gedacht? „Warum soll ich in Kapazitäten investieren, die es bereits gibt?“ Bis dato habe sich das nicht gerechnet, zudem komme fast alles, was in Amerika an elektronischen Geräten gehandelt wird, nicht aus Amerika.

Aber würde ein Standbein im wilden Trumpschen Westen nicht bei einem etwaigen Wiederaufflammen eines Handelsstreits zwischen den USA und China helfen? Er verneint. Logistikketten sind schwerpunktmäßig in Asien beheimatet. Die Distribution der daraus entstehenden Produkte ist weltweit. Zudem sei die wichtige Supply Chain in China. „Es gibt nicht viele Firmen, die solche Mengen verarbeiten können. Denken Sie nur an Foxconn, die haben über 800.000 Mitarbeiter. Das sind Kapazitäten, die findet man nicht so leicht in anderen Ländern.“ Zwar gibt es Versuche, generell so etwas auch in Indien hochzuziehen, „aber da wird noch viel Zeit vergehen, bis das Niveau annähernd so hoch ist. Bisher haben die Synergieeffekte in den bestehenden Ländern überwogen. Es ist ja auch nicht so leicht, eine IC-Substrate-Produktion hochzuziehen“, weiß Gerstenmayer. Schließlich ist AT&S seit 2001 im Reich der Mitte vertreten.

Und die Situation des Stammhauses in Österreich – wie geht es hier mit den rund 1.300 tätigen Mitarbeitern weiter? „Das Headquarter ist in Leoben und wird in Leoben bleiben“, stellt Gerstenmayer fest. Auch die Forschung bleibt in der Steiermark, es werde aber immer wichtiger, Forschung zu internationalisieren. „Forscher müssen vor Ort sein. In Chongqing haben wir Prozesse, die gibt es hier in Leoben nicht. Wir werden daher in den nächsten Jahren auch weiterhin F&E vor Ort bringen, die Koordination dafür erfolgt weiterhin aus dem Headquarter in Leoben.“

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