6.790 Lehrlinge gesucht

So viele Lehrstellen wollen 91 Unternehmen in der GEWINN-Umfrage 2021 neu besetzen. Welche Ausbildungen und Zusatzleistungen sie anbieten, wie man bei ihnen Karriere machen kann und welche neuen Lehrberufe sie anregen.

Andritz AG sucht 180, das Bundesheer 100 neue Lehrlinge im Jahr 2021. Der Vorarlberger Beschlägespezialist Blum nimmt heuer rund 95, die Drogeriemarktkette dm 300, FACC zwölf, Gebrüder Weiss 55 und Hartlauer (dessen Eigentümer und Geschäftsführer Robert Hartlauer selbst eine Lehrlingslaufbahn vorzuweisen hat) 60 neue Lehrlinge auf. Das Bauunternehmen Leyrer+Graf wird 75 Stellen ausschreiben, Lidl 172, die 27 Lehrberufe anbietende ÖBB 650, Porr 140, Siemens AG 100, Siemens Energy Austria 31 und Siemens Mobility 61. Rewe International nimmt heuer gar 700 neue Lehrlinge auf – und Spar sogar bis zu 1.000 neue Lehrlinge, wie Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann feststellt: „In normalen Jahren nehmen wir zwischen 600 und 700 neue Lehrlinge auf. Dieses Jahr bis zu 1.000, wir haben heuer aufgestockt, um Jugendlichen eine Chance zu geben.“
Wie die ÖBB, mit rund 2.100 Lehrlingen, davon 420 weibliche, einer der größten Lehrlingsausbilder in Österreich. CEO Andreas Matthä: „Noch nie waren bei den ÖBB so viele Jugendliche in Ausbildung – bei den technischen Berufen sind sie die klare Nummer eins. Wie in den letzten Jahren werden wir auch 2021 rund 650 neue Lehrlinge aufnehmen. Damit bilden die ÖBB die Fachkräfte der Zukunft aus und leisten einen wichtigen Beitrag für die österreichische Wirtschaft! Wer einen Lehrabschluss bei den ÖBB hat, ist eine gefragte Fachkraft mit ausgezeichneten Jobchancen. Also unbedingt bewerben – es lohnt sich!“ Und wer weiß, vielleicht wird diese hohe Zahl wie im November 2020 auch heuer aufgestockt. „Im Zuge einer gemeinsamen Kooperation mit dem AMS Wien wurden zusätzlich kürzlich im November 2020 sogar 50 Jugendliche aufgenommen, welche aufgrund der aktuellen Rahmenbedingungen sonst keine Lehrstelle bekommen hätten“, erklärt Matthä.

Extraleistungen und unterschiedlicher Andrang

Krise hin oder her, gute Lehrlinge sind in vielen Unternehmen sehr gefragt. Auch wenn die Unterschiede in den Bewerbungen je nach Branche und Unternehmen sehr groß sein können. Im Schnitt bewarben sich bei den von ­GEWINN befragten Unternehmen fünf Interessenten für einen Lehrplatz. Doch gerade in Berufen, die nicht allzu spezialisiert sind, kann es auf 30 bis sogar 100 Interessenten für einen Platz gehen. Das Pharma-Unternehmen Boeh­ringer Ingelheim, das wiederum sehr spezielle Anforderungen hat, spricht sogar von 200 bis 300 Bewerbern für ihre vier bis sechs Lehrplätze.
Nicht jede Firma konnte 2020 alle Lehrstellen besetzen. Leyer+Graf etwa schrieb 2020 104 Lehrstellen aus, 82 konnten besetzt werden, 24 blieben offen. Und das, obwohl wie bei vielen der befragten Unternehmen sogar Extraleistungen offeriert werden wie „Smartphone bei Probezeitende, Gratis-Führerschein, wenn die Lehrabschlussprüfung mit Auszeichnung bestanden wird und der Lehrling im Anschluss an die Lehre noch zwei Jahre bei uns arbeitet, eine Prämie bei mit Auszeichnung bestandener Lehrabschlussprüfung sowie eine bei mit Auszeichnung bestandener Berufsschule, Lehrlingstrainings inhouse und Teilnahme an Wettbewerben vom Landesbewerb über Europameisterschaften bis zu Weltmeisterschaften inklusive entsprechender Prämien bei Siegen“, erklärt Personalchefin Sabine Hahn.
Das Bauunternehmen gibt zudem Jugendlichen aus überbetrieblichen Ausbildungsstätten die Möglichkeit, ihre Praxiszeit bei der Baufirma zu erwerben. Wie auch die ÖBB, die einer steigenden Anzahl von ÜBA-Lehrlingen eine Übernahmechance anbieten. Matthä: „Gerade in diesem Bereich gibt es viele Jugendliche mit einer äußerst hohen Motivation.“

Aufnahmegespräche in Covid-Zeiten

Die Aufnahmegespräche laufen während der Covid-19-Beschränkungen in allen Betrieben nach einer schriftlichen Bewerbung vorwiegend online ab. Die Vamed AG etwa beschäftigt 370 Lehrlinge in 22 Berufen wie Bürokaufmann, IT, Elektro-, Metalltechnik, Mechatronik, Entsorgungs- und Recycling-, Koch, Restaurantfachmann, Tischler, Hotel, Fitness, Maler, Bodenleger etc. Wie läuft dort die Ausbildung in der Praxis? „Bei Lehrlingen, die eine gewerbliche Lehrausbildung machen, gibt es keine Einschränkungen. Sie werden weiterhin vor Ort betreut. Lehrlinge, die eine kaufmännische Ausbildung machen, werden, sofern Home-Office möglich ist, online weiter betreut. Die Lehrlinge jener Betriebe, die vom Lockdown betroffen sind, kommen für Fachschulungen und für praktische Übungen regelmäßig in das Unternehmen und werden vor Ort weiter betreut“, so ein Unternehmenssprecher.

Anregungen für neue Lehrberufe: vor allem Digital

GEWINN befragte die Unternehmen im Zuge der Erhebung, welche Lehrberufe neu etabliert, erweitert, zusammengelegt etc. werden sollen. Bei Siemens Mobility würde man es begrüßen, „in der Ausbildung einen neuen Schwerpunkt im Bereich der Automatisierungstechnik einzuführen, um den steigenden Grad der Automatisierung in der Produktion Rechnung zu tragen“. Laut DB Schenker sollte „ein Schwerpunkt auf Digitalisierung und E-Commerce gesetzt werden“, AVL wünscht sich die Schwerpunkte „Datenanalyst, Cloud- Spezialisten und Data Mining“, die Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien nennt „neue Lehrberufe im Bereich Projekt- und Prozessmanagement und weitere spezifischere IT-Ausbildungen“.
Hugo Orgl, Leitung Lehrlingsausbildung der Energie Steiermark, führt aus: „Speziell im Bereich der EVUs wird aufgrund der Einführung der Smart-Meter-Zähler und der damit verbundenen, sehr aufwendigen Infrastruktur in Zukunft ein erhöhter Bedarf in der Kombination aus Energietechnik, Green Energy und digitaler Kommunikationstechnik gegeben sein. Auch in den Bereichen Automatisierungstechnik, der IT-Technik sowie der App-Entwicklung sollte die Lehre weiter ausgebaut und etabliert werden.“ Und bei der Porr verweist man auf den Boom der „grünen“ Wirtschaft: „In der Sparte nachhaltiges Bauen und Sanieren liegt ein großes Wachstumspotenzial für die gesamte Baubranche. Dahingehend ist es durchaus vorstellbar, dass in Zukunft neue Lehrberufe mit neuen Ausbildungszweigen und Berufssparten mit den Schwerpunkten Umwelt- und Ressourcenmanagement, erneuerbare Energie und nachhaltiger Entwicklung geschaffen werden.“
Auch neue Zusammenarbeiten in der dualen Ausbildung werden angeregt, etwa von Gerhard Zummer, Head of Siemens Professional Education: „Es ist wichtig, auch verstärkt neue Wege einzuschlagen, wie beispielsweise mit dem dualen ausbildungsbegleitenden Studium, das Lehre und BachelorStudium vereint. Wir haben dieses Ausbildungsmodell mit der FH St. Pölten initiiert und werden weitere Studiengänge mit unseren Partner-Fachhochschulen umsetzen.“
Melanie Zeier, Personalentwicklung & Recruiting bei Thalia: „Eine ständige Aktualisierung der Lehrberufe an den modernen Handel – Click & Collect, Filialabholung, eBooks, eReader, Omni-Channel, Verknüpfung von App, Online-Shop, stationärem Handel, u. v. m. – wäre wünschenswert. Ein Lehrberuf, der den stationären Buchhandel und den Online-Handel verknüpft – Doppellehre eCommerce und Buchhandel/Einzelhandel – ebenfalls!“ Britta Schindler, Leiterin des A1 Lehrlingscampus, bringt Cyber Security ins Spiel: „Der Bedarf an Cyber-Security&Data-Scientist-Experten wird weiter steigen – im Cyber-Security-Bereich integrieren wir bereits jetzt Basisinhalte in unserer Lehrlingsausbildung.“
Aber auch abseits der Digitalisierung, etwa im Pflege-, Präventions- und Betreuungssektor, regen Georgiana Lazar O’Callaghan, Leiterin Human Capital der UniCredit Bank Austria, und Norbert W. Scheele, Director of Countries AT/CEE/SEE von C&A Mode, neue Lehrberufsausbildungen an.

30 Lehrberufe modernisieren

Bei den laufenden Entwicklungsarbeiten wird laut Wirtschaftsministerium „ein besonderer Schwerpunkt auf digitale Kompetenz, Nachhaltigkeit, Ressourcenmanagement und Persönlichkeitsentwicklung“ gelegt. „2021 wollen wir rund 30 Lehrberufe modernisieren, darunter die Umweltberufe Entsorgungs- und Recyclingfachkraft sowie Abwassertechnik. Weiters wird der Lehrberuf Metalltechnik, mit rund 11.000 Lehrlingen der zahlenmäßig stärkste technische Lehrberuf in Österreich, erneuert. Neue Berufsbilder wird es auch für die Holzberufe und Veranstaltungstechnik geben“, so eine Sprecherin.

Karriere mit Lehre

Viele Betriebe weisen darauf hin, dass einem auch mit Lehrabschluss die Karrieretüren offenstehen. Zudem komme es darauf an, dass man sich gezielt über die gesamte Karriere weiterbildet.
Das beste Beispiel ist der OMV Vorstand für den Bereich Upstream und Generaldirektor-Stellvertreter DI Wi (FH) Johann Pleininger, der seine Karriere als Lehrling in der OMV gestartet hat. Wolfgang Maier, Leiter EVN Personalwesen, erklärt, dass „eine große Anzahl unserer Führungskräfte als Lehrlinge bei uns begonnen hat“. Und auch eines der Paradeunternehmen Österreichs, die Voestalpine, setzt auf Karriere mit Lehre, schließlich „finden sich ehemalige Lehrlinge in zahlreichen Positionen – vom Vorarbeiter, Meister, Teamleiter bis hin zum Geschäftsführer und in der Vorstandsebene“.

Neue Lehrberufe 2021


Im Bundes-Berufsausbildungsbeirat wurden folgende Lehrberufe als Empfehlung an Bundesministerin Schramböck beschlossen. Nach einer Begutachtung werden die neuen Ausbildungsordnungen von ihr per Verordnung in Kraft gesetzt. Das vorgesehene Begutachtungsende ist mit 26. Februar geplant. In Kraft treten soll die Verordnung mit 1. Mai 2021.
Novellierungen:

  • Medizinproduktekaufmann – neu kompetenzorientiert formuliert
  • Verpackungstechnik
  • Entsorgungs- und Recyclingfachkraft – Bereich Abfall
  • Matrose für Binnenschifffahrt
  • Prüfungsordnung der kaufmännisch-administrativen Lehrberufe
  • Prüfungsordnung Restaurantfachmann

Überleitungen aus Ausbildungsversuchen in einen Regellehrberuf:

  • Forsttechnik
  • Zimmereitechnik

Neue Lehrberufe:

  • Chocolatier – Novellierung und Erweiterung des Bonbon- und Konfektmachers
  • Mechatronik – Spezialmodul Additive Fertigung (= Modulerweiterung)


>> Zum Download: 91 Unternehmen, die 2021 insgesamt 6.970 Lehrlinge neu aufnehmen


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