Gewagtes Kapital

Nur wenige stecken Hunderttausende Euro in Start-ups. Es ist hoch profitabel, aber hoch riskant. Zwei Business Angels erzählen über ihren Einstieg in die Welt des Wagniskapitals.

(Foto: zoff-photo - GettyImages.com)

Gernot Singer ist 42 Jahre alt und hat 2018 einen fetten Exit hingelegt. Die deutsche Scout-24-Gruppe hat ihm seine seit 2010 aufgebaute immosuchmaschine.at abgekauft. Die Summe möchte er nicht verraten. Nach zwei Jahren „Auszeit“ hat ihn das Unternehmertum wieder gepackt. Diesmal in der Rolle des Business Angels. „Ich fiebere gerne mit Unternehmen mit, bringe Netzwerk und Erfahrung ein“, so der gebürtige Kärntner.

Investieren sieht er als Hauptjob und er möchte nicht nur „Geld reinwerfen und ein Pseudo-Investor sein“. Seit 2020 ist er zwei direkte Beteiligungen eingegangen: bei Triply und Artivive. Ersteres entwickelt Lösungen zur Besucher- und Verkehrsdatenmodellierung. Zweiteres ist eine Augmented-Reality-Lösung für Museen.

Investieren, wo man sich auskennt

Zwischen 50.000 und 100.000 Euro betragen Singers Ticketgrößen, also die Beteiligungshöhe im Start-up-Sprech. An Triply hält er 3,6 Prozent. „Es ist eine Wette auf die Gründer“, bezeichnet Singer das Risiko für seine Anteile. Zu den Unternehmen ist er über sein Netzwerk, in dem sich naturgemäß auch andere Investoren befinden, gekommen. „Es ist wichtig, wer noch dabei ist, weil man verbringt ja viel Zeit miteinander“, gibt er zu bedenken und meint damit Co-Investoren sowie Gründer. „Branchen wie Pharma oder Hardware schließe ich aber aus. Ich investiere nur, wo ich mich reindenken kann“, sagt Singer, für den nur Frühphasen-Investments in Frage kommen.

Neben seinen direkten Beteiligungen möchte der Angel „ungefähr eine ähnliche Summe“ via Venture-Capital-Fonds (VC) in Start-ups stecken. Das ist gut fürs Netzwerken und zur Risikostreuung, denn „manche Fonds geben Investmentanfragen an Angels weiter, wenn der Zeitpunkt noch zu früh ist“, erzählt Singer. Beim Investieren über einen solchen Fonds ist zwar das Geld für mehrere Jahre gebunden, doch in puncto Rendite kann man mindestens mit einer Verdopplung des eingesetzten Kapitals rechnen.

Reserven zum Nachschießen halten

Dass die Sache mit dem Risiko oft unter den Tisch fällt, stört „Business Angelina“ Karin Kreutzer: „Investieren wird in der Gesellschaft oft nicht wertgeschätzt“, sagt sie und betont damit, dass es sich nicht lediglich um ein Hobby für Reiche handelt.

Die PR-Beraterin hatte eine Versicherung als Kunden, deren Geschäftsführer später in Start-ups investiert und Kreutzer auch dazu motiviert hat.

Gemeinsam mit ihrem Mann Stefan Artner (Partner der Rechtsanwaltskanzlei Dorda) hat sie dafür die Beteiligungsgesellschaft Aubmes Invest gegründet, die Frühphasenfinanzierung macht. „Wir investieren ab 10.000 bis maximal 100.000 Euro pro Unternehmen“, erzählt Kreutzer. „Man sollte aber  Ressourcen einplanen, um nachschießen zu können.“ Bisher flossen Summen unter anderem an Kompany, Blockpit, Bitpanda, Updatemi, Grape, Cashy. Kompany, eine Lösung für die Aufbereitung von Unternehmensinformationen, war das erste Investment und gleichzeitig der erste Exit.

Attraktive Rendite trotz Ausfälle

„Künstliche Intelligenz ist unser Fokus, aber wir schauen auch auf Diversität. So haben wir etwa FinTechs im Portfolio“, sagt Kreutzer.  Mit Aubmes tritt das Paar nie als „Lead-Investor“, sondern im Syndikat mit anderen Angels bzw. Fonds auf. Drei bis sechs Monate dauert es in der Regel, bis eine Beteiligung („der juristische Aufwand ist groß“) inklusive Due Diligence über die Bühne geht. „Unsere Investitionen sind langfristig, über mehrere Jahre, ausgelegt“, so Kreutzer. Wichtig ist ihr, „Kompetenz, Begeisterung und Durchhaltevermögen“ im Gründerteam zu sehen. Absolute No-Gos sind Gründer, die zu marktschreierisch auftreten.

Bisher gab es zwei Totalausfälle: Unispotter und Zoomsquare. Angesichts des gesamten Portfolios „ist die Rendite trotzdem noch okay“, sagt Kreutzer. Aktuell hält das Ehepaar acht direkte Investitionen. „Nebenbei“ ist man auch noch über VC-Fonds, unter anderem Amadeus und Speedinvest, an Unternehmen beteiligt. Dort geht es in der Regel ab 100.000 Euro Mindestvolumen pro Investor los.

Erste Schritte als Angel

Wer an Business Angels denkt, dem fallen meist die aus den Medien bekannten Investoren wie Michael Altrichter oder Hans Peter Haselsteiner ein. Doch sie sind die Ausnahme. Der Großteil operiert lieber im Verborgenen, geht es doch um ordentliche Summen. Und über Geld, das man hat, spricht man hierzulande ungern.

Wer genügend auf der Kante hat und damit liebäugelt, ins Angel-Inves­ting einzusteigen, steht oft vor dem Problem, wie man die ersten Schritte setzt. Denn „nicht alle Angels kommen aus der Start-up-Welt, sondern auch aus Konzernen“, erzählt Laura Egg,

Geschäftsführerin der Austrian Angel Investors Association (AAIA), die Österreichische Dachorganisation für Business Angels mit rund 200 Investoren als Mitglieder.

Solche „Ex-Corporates“ müssen erst mal in der Start-up-Szene ando­cken. Gute Anlaufstellen für ein „Innovation Scouting“, also die Suche nach interessanten Investitionen, sind Inkubatoren, Acceleratoren (A+B Zent­ren, AWS), Business Angel Clubs (AAIA, Conda Black) und Investoren-Crowds (Primecrowd) mit ihren Events. Stichwort Netzwerk: „Investment-Empfehlungen innerhalb der Investoren-Community haben eine wesentlich höhere Qualität als „normale“ Start-ups, die an Investoren herantreten“, sagt Egg.

Rendite und Helfen als Motive

„Typischerweise investiert man in der Branche, aus der man kommt“, berichtet Egg. Beliebt sind FinTechs, da viele Investoren eine Karriere in der Finanzbranche im Lebenslauf haben.

Neben der Rendite ist ein häufiges Motiv, mit seiner Expertise und seinem Netzwerk jungen, enthusiastischen Gründern zu helfen. „Der Aufwand hängt vom Portfolio und von der Rolle ab. Ein Lead-Investor ist deutlich mehr gefordert“, so Egg. Als Faustregel betitelt sie pro investiertem Start-up ein ein- bis zweistündiges (Telefon-)Gespräch pro Woche und ein physisches Treffen pro Monat.

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