Guter Rat für den Aufsichtsrat

Abnicken und einnicken? Das können sich Aufsichtsräte nicht leisten. So bringen sie sich auf den aktuellen Wissens- und Haftungsstand.

Foto: Joerg Trampert / pixelio.de

Viel verdienen, wenig dafür tun? Dann nimmt man besser nicht mehr im Aufsichtsratssessel Platz. Die Tätigkeit im Aufsichtsrat (AR) sei insgesamt intensiver und anspruchsvoller geworden, die Haftungsrisken seien gestiegen, fasst es Susanne Kalss, Leiterin des Aufsichtsratslehrgangs der WU Executive Academy, zusammen. „Ein Mitglied des Aufsichtsrates hat heute etwa die Verpflichtung, ständig in der strategischen Ausrichtung des Unternehmens mitzudenken und Ideen des Vorstands zu hinterfragen. Er hat die Überwachungsprozesse mit einem angemessenen Berichts- und Informationssystem zu überwachen, muss unmittelbar mit dem Abschlussprüfer zusammenwirken. Die Fragen der Vorstandsbestellung und Vergütung nehmen viel mehr Raum ein.“ 

Die vielen Hüte des Aufsichtsrats

„Ein großes Thema ist Cyber Security“, betont Alfons Helmel, Leiter der österreichischen Zertifizierungsstelle für Aufsichtsräte und Chef der WKO-Qualitätsakademie Incite, „zum einen sind Aufsichtsräte verpflichtet, das Risikomanagementsystem und die Datensicherheit zu kontrollieren. Aber auch der Schutz von übermittelten vertraulichen Daten und Dokumenten ist immens wichtig, da liefert der E-Mail-Verkehr extreme Sicherheitslücken.“ 

Weiters müssen große börsennotierte Unternehmen, Banken und Versicherungen verstärkt über ihre Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten berichten. Diese CSR-Berichte muss der Aufsichtsrat prüfen, so Helmel. 
Auf den neu zu absolvierenden „Fit & Proper“-Test verweist Susanne Kalss: „Für Aufsichtsratsmitglieder im Finanzdienstleistungsbereich gibt es die präventive Prüfung der fachlichen Eignung und der persönlichen Integrität durch die Finanzmarktaufsicht.“

Ist das Salär nicht mehr? 

Dafür, dass Mandatsträger viele neue Aufgaben haben und der Aufsichtsratssessel haftungstechnisch zum Schleudersitz werden kann, scheint die Bezahlung in Österreich nicht üppig zu sein. WU-Professor Werner Hoffmann, Leiter des Instituts für Strategisches Management und Leiter des Aufsichtsratslehrgangs der WU Executive Academy: „Unsere aktuelle Studie zeigt, dass AR-Mitglieder heimischer börsennotierter Unternehmen im Schnitt 12.600 Euro Vergütung erhalten haben, AR-Vorsitzende 23.200 Euro.“ Ins selbe Horn stößt Incite-Chef Helmel: „In Deutschland gibt es für Aufsichtsräte in den mit dem ATX vergleichbaren MDAX-Unternehmen im Schnitt 50.000 Euro pro Jahr. Für das Spitzensegment DAX-30 sind es 100.000 Euro.“ 

Was ist der Mehrwert?

„Was ist meine Leistung“, müssen sich Aufsichtsräte nicht fragen. „Bei einem größeren Aufsichtsrat mit vier bis sechs Sitzungen muss man sich inklusive Vorbereitung 20 bis 30 Arbeitstage reservieren“, berichtet Lydia Ninz, Sprecherin der Initiative Aufsichtsräte Inara.  Was ist da der Mehrwert eines Mandates, fragte GEWINN die hochkarätig qualifizierten Kursbesucher der WU Executive Academy – vom Geschäftsführer einer regionalen Raiffeisenbank, der sein Wissen über die neuen Haftungs-Regulatorien für Aufsichtsräte erweitern wollte, über Rechtsanwälte, die sich auf die Haftung von Aufsichtsräten spezialisieren, Private Banker, die ihre Stiftungsklientel gut beraten wollen, Personalvertreter diverser sozialer und  öffentlicher Organisationen bis hin zu Alexander Sollak, Aufsichtsrat und oberster Personalvertreter der Telekom Austria: „Als Arbeitnehmervertreter muss man achten, dass man auf dem gleichen Wissens- und Informationsniveau wie die Arbeitgeberseite bleibt.“
Andere Ambitionen hat Kursteilnehmerin Christiane Wenckheim, die nach 17-jähriger operativer Tätigkeit den Vorstandsvorsitz gegen den Chefsessel im Aufsichtsrat der Ottakringer Brau AG eintauscht: „Ich möchte die Zusammenarbeit von Vorstand und Aufsichtsrat bestmöglich optimieren.“ Natürlich hoffen viele auf Kontakte. Auch dazu dienen Aufsichtsratskurse, die schon mehr Frauen als Männer besuchen. „Der EU ist es ein Anliegen, Aufsichtsräte divers zu besetzen, hinsichtlich Geschlecht, Branchen und regionaler Zugehörigkeit“, erklärt Helmel, „der Frauenanteil in den österreichischen Spitzengremien liegt nach wie vor unter dem EU-Durchschnitt von 17 Prozent.“ 

Aufwendiger Nebenberuf

Findet man denn so viel Frauenpower? „Aufgrund der gestiegenen Anforderungen an AR-Mitglieder hinsichtlich fachlicher Kompetenz, zeitlicher Verfügbarkeit, internationaler Erfahrung und Unabhängigkeit und Freiheit von Interessenkonflikten ist es wohl generell schwieriger geworden, Aufsichtsrats-positionen adäquat zu besetzen“, meint Werner Hoffmann. 

In Österreich gibt es laut Inara-Sprecherin Lydia Ninz „16.000 bis 18.000 Aufsichtsratsmandate, wenn auch mit vielen Doppelbesetzungen. Zudem gibt es rund 10.000 Stiftungsvorstände in den 3.200 Stiftungen in Österreich, die sich gerade professionalisieren.“ Neben der „Frau in der Wirtschaft“ aktualisiert auch www.inara.at gerade seine Datenbank.

„Bei allem Aufruf zur Professionalisierung und Diversifizierung darf nicht übersehen werden, dass AR-Bestellungen letztendlich zuallererst eine Frage des Vertrauens der Eigentümervertreter in die Kompetenz, Teamfähigkeit und Integrität der zur Wahl stehenden Personen sind“, betont Hoffmann, „dies sollte aber nicht dazu führen, dass man nur im engsten Kreis der Freunde und Vertrauten nach geeigneten Kandidaten sucht“. Qualifizierter AR-Nachwuchs „wächst“ in Ausbildungen wie die seine schon heran . . .

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