Venture Capital: Pferdestärke mit Haken

Start-up-Gründer rühmen sich gern mit fetten Finanzierungsrunden. Doch wer schnelles Geld für Wachstum nimmt, gibt auch einen Teil seiner Firma ab.

 

Foto: SpaceX

Venture Capital (VC) ist in vieler Hinsicht das Suchtmittel der Start-up-Gründer. Viele wollen es, gängiges Motto ist: „Mehr ist immer besser.“ Wird es zum falschen Zeitpunkt oder in der falschen Dosis eingesetzt, kann es für das Gründerteam schlecht ausgehen.

Während VC keineswegs eine neue Erfindung ist, sind die Zahlen der letzten Jahre doch beachtlich: Das globale VC-Investment-Volumen wuchs von 2010 bis 2019 von knapp 40 auf 250 Milliarden Euro. War 2010 das 300-Millionen-Euro-Investment in „Better Place“ (E-Mobility-Start-up) noch die größte Investmentrunde des Jahres, war der größte Deal 2019 mit dem 3,2-Milliarden-Euro-Investment in den Rechenzentrumsbetreiber Teng­long über zehnmal so groß.

Zweifelsohne gäbe es ohne Venture Capital viele der erfolgreichsten Start-up-Unternehmen nicht: Ob SpaceX, AirBnB oder Alibaba – alle waren in ihren Anfängen auf Risikokapitalgeber angewiesen. War 2001 nur eines der fünf wertvollsten Unternehmen kurzzeitig VC-finanziert (Microsoft), waren es 2016 bereits alle fünf (Apple, Alphabet, Microsoft, Amazon und Facebook).

Doch gilt das für alle Start-ups? Ist Risikokapital – und davon viel – tatsächlich der einzige Weg zum erfolgreichen Unternehmertum oder doch nicht ganz so unerlässlich, wie es das Marketing der wachsenden VC-Indust­rie suggerieren möchte?

Schnelles Wachstum als Wettbewerbsvorteil

Die Antwort auf diese Fragen ist vielschichtig und es gibt gute Gründe, warum heute die meisten Start-ups die VC-Route wählen: Das Leitmotiv ist immer noch „grow fast“. Gerade bei Geschäftsmodellen, die leicht zu kopieren sind (etwa Vermittlungsplattformen wie Uber), ist schnelles Wachstum ein unerlässliches Mittel zum Erfolg.

Wer als „First Mover“ nicht bereits am Anfang große Marktanteile für sich verbuchen kann, sieht sich mit meist immer höher werdenden „Customer Acquisition Costs“, also dem Preis einer Kundenakquise (einer der am häufigs­ten verwendeten Kennzahlen in der Start-up-Welt), konfrontiert. Dies führt dazu, dass viele dieser Unternehmen für mehrere Jahre nicht profitabel sind und deshalb oft große Summen an externem Kapital benötigen, was schwer ohne VC zu bewerkstelligen ist.

Ähnlich verhält es sich mit vielen Hightech-Unternehmen, in denen jahrelange Forschung und große Vorabinvestments Voraussetzungen für einen Markteintritt sind. Und selbst, wenn die benötigten Summen selten so astronomisch hoch sind, wie bei Elon Musks SpaceX, stellt externes Kapital doch auch eine wichtige finanzielle Absicherung für Gründer dar, die es vielen von ihnen erst ermöglicht, das Risiko, das mit einem Start-up einhergeht, einzugehen.

VC bringt Know-how ins Unternehmen

Neben den finanziellen Argumenten bringt VC aber noch andere Vorteile mit sich. Investoren bringen nicht nur Geld, sondern auch Expertise, Kontakte, Mentorschaft und Gründungs-Infrastruktur. Venture-Kapitalisten waren oft selbst erfolgreiche Gründer und stehen als Mentoren und Sparring-Partner in wichtigen Entscheidungen zur Seite oder stellen die richtigen Kontakte her.
Gerade Gründerteams mit der technischen, aber nicht betriebswirtschaftlichen Expertise und „First-
Time-Founders“ profitieren so von deren jahrelanger Erfahrung. Venture-Inves­toren (meist „Venture Capitalists“ oder kurz „VCs“ genannt) sehen täglich neue Geschäftsmodelle und können durch ihr Wissen und ihr Netzwerk jungen Unternehmen helfen, das Produkt in die richtige Richtung zu entwickeln, um an Kunden zu gelangen. Darüber hinaus stellen viele Venture-Firmen gratis Büroräumlichkeiten, Anwälte und Marketing-Experten zur Verfügung.

VC als Statussymbol

Zu guter Letzt gibt es noch einen weiteren, weniger pragmatischen Grund für Venture-Capital: Gerade im Silicon Valley definieren viele Gründer ihren Erfolg über die Höhe des VC-Investments. Wie Pferdestärken von Autos werden in Gesprächen die Größen der Finanzierungsrunden verglichen und stehen – unserer Meinung nach fälschlicherweise – stellvertretend für den geschäftlichen und dadurch persönlichen Erfolg der Gründer.

Ein jüngstes Beispiel zeigt, dass sich dies als Fehlkalkulation erweisen kann: Der Online Streaming-Provider Quibi, der auf junges Publikum und die Benutzung des Smartphones setzte, scheiterte trotz 1,5 Milliarden Euro Kapital nach nur sechs Monaten spektakulär. Zu noch mehr unverhofftem Ruhm schaffte es das Biotech-Start-up Theranos und seine berühmt-berüchtigte Gründerin Elizabeth Holmes: VC-Investoren erhielten nur knapp vier Millionen ihrer 1,2 Milliarden Euro zurück, als sich Theranos als großer Betrug herausstellte, der nicht nur viel Geld, sondern auch mehrere Leben zerstörte.

Eigene Anteile sinken

Doch nicht nur für Financiers selbst, sondern auch für Gründer birgt eine VC-Finanzierung Nachteile. Beim (wiederholten) Einsammeln von Kapital kommt es zur „Dilution“, der immer weiter fortschreitenden Abgabe von Unternehmensanteilen und dem damit verbundenen Kontrollverlust. Mag dies in der ersten Runde noch gering und leicht verschmerzbar scheinen, zeigt eine kürzlich erschienene Studie, dass im Durchschnitt bereits nach der zweiten Finanzierungsrunde die Kapitalgeber mehr Stimmrechte besitzen als die Unternehmer selbst. Zum Börsengang stehen nur noch 30 bis 50 Prozent der Gründer an der Spitze ihres Unternehmens und noch weniger im Falle einer Unternehmensakquise.

Anekdotisch berichten uns VCs, dass nur knapp ein Drittel dieser Abgänge freiwillig über die Bühne gehen. Während dieser Kontrollverlust nicht mit einem finanziellen oder persönlichen Misserfolg für die Gründer einhergehen muss, kann dies doch der Fall sein: Als Zipcar um 500 Millionen Euro von Avis gekauft wurde, schauten für das Gründer-Paar nur wenige hunderttausend Euro heraus.

Streitpunkt Risiko

Einer der Gründe, warum die Interessen von Gründern und Investoren oft gegensätzlich sind, fußt im Venture-Capital-Geschäftsmodell: Risikokapitalgeber spekulieren darauf, mit einem sehr niedrigen Teil ihrer Investments, in der Regel drei bis fünf Prozent, den Großteil ihrer Profite zu erzielen. VCs sind nicht daran interessiert, „durchschnittliche“ Rendite zu erwirtschaften. Ganz im Gegenteil, VCs sind gewillt, hohes Risiko in jedem ihrer einzelnen Investments einzugehen, um so ihr Geld in einem ihrer Deals zu verhundertfachen.
Das gilt nicht für die Gründer selbst: Während ein besonders großer Mut zum Risiko für den VC-Fonds tragfähig (und erwünscht) ist, da dieser ja viele Start-up-Beteiligungen besitzt, setzt ein Gründer alles auf ein Pferd.

Bootstrapping in der Garage

Nicht jedes Geschäftsmodell und vor allem nicht jeder Gründer ist dazu gezwungen, so schnell wie möglich zu skalieren. Einige erfolgreiche Unternehmer erkannten dies früh: Selbst Bill Gates hat Microsoft lange „gebootstrapped“, also selbst finanziert, ohne Bezahlung in der Garage gearbeitet und früh Profit gemacht, um diesen zu reinvestieren. Erst spät hat er nur eine Million US-Dollar eingesammelt und dafür fünf Prozent der Firma aufgegeben. Einige erfolgreiche Technologieunternehmen wie GoPro und Atlassian haben mit dieser Strategie Milliardenunternehmen aufgebaut – und das ganz ohne Risikokapital. Deren Erfolgsgeheimnis sind Geschäftsmodelle, die schnell profitabel sind, aber vor allem nicht auf Wachstum über alles setzen und die Firma sparsam führen.

Eine dritte Finanzierungsmöglichkeit, die gerade für bereits etablierte Start-ups stark im Kommen ist, umgeht VCs ganz einfach: Institutionelle Investoren wie Pensionsfonds oder Großunternehmen („Limited Partner“, „LPs“) investieren direkt in Start-ups. Die LPs umgehen so nicht nur die Management-Gebühren der VCs, sondern erlangen in vielen Fällen auch die Möglichkeit, direkt mit aufstrebenden Start-ups in ihrer Branche zusammenzuarbeiten.

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